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Di 12.11.
How to change the world
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Von Jerry Rothwell, Kanada, UK, Nordirland 2015, 110 Min, Filmbeginn 19:30 Uhr
Filmreihe: „Geschichtsstunde”
Kurzfilm: Felix, von Anselm Belser, Deutschland 2011, 0:45 Min.
"How to Change the World" mit dem Untertitel "The Revolution will not be organized" ist keine Doku von Greenpeace, sondern eine Zusammenschau und Analyse der Entstehung einer Organisation, die mit ihrer Art von Medienarbeit große öffentliche Wirkung erzielt hat. Im Filmgespräch wird unter anderem die Frage gestellt, mit welcher Art von Medialität wir komplexe gesellschaftliche Systeme zu sinnvollen Veränderungen anregen können und wollen. Gerade angesichts der aktuellen "Fridays for Future"-Bewegung ist diese Frage von großer Bedeutung.

Zu dem im Film beschriebenen Beginn von Greenpeace

"Junge Aktivisten charterten im September 1971 den Fischkutter "Phyllis Cormack“ mit der Absicht, den US-Atomtest vor Alaska zu stören und die Zündung der Bomben zu verhindern. Das Schiff wurde in Greenpeace umbenannt und setzte die Segel in Richtung des Testgeländes nach Amchitka. Die US-Coast Guard fing sie mit ihrem Küstenwachschiff ab und zwang sie zum Hafen zurückzukehren. Bei ihrer Rückkehr nach Alaska erfuhr die Mannschaft, dass in allen größeren Städten Kanadas Proteste stattgefunden und die USA den zweiten unterirdischen Test auf den November verschoben hatten. Robert Hunter, einer der Beteiligten, dokumentierte die spektakuläre Aktion mit einer 16mm Kamera." (offizielle Filmbeschreibung)

In der Folge verlagert "Greenpeace" die Zielrichtung ihrer Aktionen vom Widerstand gegen die Atomtests zum Widerstand gegen den Wal- und später gegen den Robbenfang. Robert Hunter entwickelt "Mindbomb" als Methode der medialen Inszenierung, die mit "richtigen" Bildern im "richtigen" Moment schlagartige mediale Wirkung erzielt, weltweite Proteste auslöst und tatsächlich wichtige Ziele erreicht. Die Gruppe von Aktivisten wird dadurch zur Kampagnen-Gruppe im Brennglas der medialen Aufmerksamkeit. Dies hat auch Rückwirkungen auf die interne Gruppenstruktur. Über die zunächst halb bewusste Ausbildung einer Führungsfigur beginnt die Gruppe sich zu hierarchisieren; es folgen Rangkämpfe und Abspaltungen. In diesem Zusammenhang gibt es auch inhaltliche Kritik innerhalb der Aktionsgruppe: Greenpeace entwickle sich von eine Widerstands- zu einer "Wohlfühl"-Organisation; die einen spenden, die anderen begehen Heldentaten. "Mindbomb" werde zu einem Medienspektakel, auf das sich auch die Gegner, als Beispiele russische Walfänger und die französische Marine, einzurichten wissen. Paul Watson spaltet sich ab und gründet die radikalere Organisation "Sea Shepherd", bei der illegal operierende Walfangschiffe gerammt und versenkt werden.
In Kanada gibt es Probleme mit mehreren lokalen Intitiativen, die sich als "Greenpeace" neu gegründet haben, von den Kampagnien auf hoher See profitieren, aber dazu keinen finanziellen Beitrag leisten wollen. Dies führt schließlich zur Krise der kanadischen Greanpeece-Bewegung und der Ablösung von deren Führungsrolle durch eine stringentere international ausgerichtete Organisation.

All diese verschiedenen Erzählstränge analysiert Jerry Rothwell in seinem sehr dicht gestrickten Dokumentarfilm. Die hohe inhaltliche Dichte wird ästhetisch eindrücklich unterstützt durch das reiche Bild- und Tonmaterial, das den Worten der Interviewpartner einen emotional gut fassbaren Hintergrund verleiht. Dem Regisseur stand ein riesiges Archiv bis dato unveröffentlichter Filmaufnahmen zur Verfügung, mittels dessen auch viele Zwischentöne zur Geltung kommen.

Es wird versucht, den Film ein wenig zu rekapitulieren und die Zwischentöne herauszuarbeiten. Hierbei können besondere Aspekte angesprochen werden:

1. Gruppendynamik: Führung ohne die Absicht zu führen. Entwicklung von einer eher spontanen Gruppe zu einer hierarchischen Organisation

2. Medialität: Wie wird Medialität erzeugt? "Mindbomb" als Methode der medialen Inszenierung

3. Politische Bewegung: Vom anti-imperialistischen Kontext der Friedensbewegung Ende der 1960er, transformiert zu Umweltthemen, über organisatorische Zersplitterung hin zu einer professionellen Kampagnien-Organisation.

Schließlich wird folgende Frage gestellt:

4. Welche Art von Medialität brauchen wir für politische Bewegungen in einer Welt komplexer Systeme?

"Fridays for Future" zeigt, dass der Stopp anthropogener Ausbeutungs- und Zerstörungsprozesse die Frage nach gesellschaftlichen Systemen nicht außer Acht lassen kann; zugleich stellt sich die Frage nach besseren ressourcenschonenden Systemen. Der Untertitel "The Revolution will not be organized" verweist darauf, dass solche Systeme noch geschaffen werden müssen, und dass dies nicht mit einfachen Rezepten zu bewerkstelligen ist, sondern ein tieferes Systemverständnis erfordert. Können inhaltlich anspruchsvolle Dokumentarfilme hierzu einen Beitrag leisten?