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Bild: Mit dem Journalisten und Filmemacher Dietmar Schumacher (r.) hatte naxos-Moderator Wolf Lindner einen der kompetentesten Russland-Experten in das naxos-Kino eingeladen.  

In den etwa 280 Arbeitslagern des Stalinschen Gulag-Systems östlich des Urals sind zwischen 1932 und 1960 geschätzte 20 Millionen Menschen ums Leben gekommen (erschossen, erschlagen, verhungert, bei Arbeitsunfällen getötet). Viele dieser Zwangsarbeitslager gab es an der Kolymar, einem russischen Strom von mehr als 2000 Kilometern Länge im Osten Sibiriens. Menschen waren dort unter schrecklichsten Bedingungen eingesperrt. Zehntausende starben dort. Ihre Leichen wurden oftmals nur am Rand der parallel verlaufenden Kolymar-Straße verscharrt. Sie gilt als der längste Friedhof der Welt. „Neben diesem Sinngemälde des russischen Terrorsystems Gulag sind in der Stalin-Ära nach Schätzungen erstzunehmender Historiker noch weitere 20 Millionen Menschen ums Leben gekommen. Vor allem im Zuge der Zwangskollektivierung und der Hungersnöte Ende der 1920er Jahre“, sagte TV-Journalist und Filmemacher Dietmar Schumacher. Der Russland-Experte war am 2. Oktober 2018 zum Filmgespräch über „Kolymar“ aus Berlin ins naxos-Kino angereist. 

Zu Opfern des Stalinschen Terrors wurden, so Schumacher, die gesamte Schicht der Kulaken (Mittel- und Großbauern), die Angehörigen der weißgardistischen Armee, Vertreter der alten zaristischen Machtorgane sowie des Bürgertums der besetzten baltischen Republiken und Ostpolens. Aber auch tausende russische Kommunisten, Bolschewiken aus Lenins Umgebung, Generale und Marschälle der Roten Armee sowie tausende Exil-Kommunisten, auch aus Deutschland, die in der UDSSR Zuflucht vor den Nazis gesucht hatten, wurden bei Stalins „Säuberungsaktionen“ ermordet. 

An der Kolymar existierten die Gulag-Arbeitslager bis in die 1960er Jahre. Fast vier Jahrzehnte lang mussten dort Hunderttausende Strafgefangene unter menschenunwürdigen Bedingungen und vor allem in der eisigen arktischen Kälte vor allem nach Gold schürfen. Die Gefangenen kamen nicht nur aus der Sowjetunion, sondern auch aus anderen Staaten: Es waren zum Beispiel Kriegsgefangene des Zweiten Weltkriegs, die nach Hunderte Kilometer langen Fußmärschen in der eisigen Kälte dort eintrafen, um in den sibirischen Bergen Gold, Silber, Platin, Zinn oder Uran zu fördern. 

Von den Inhaftierten waren nur etwa 15 Prozent Kriminelle, „der Rest musste nach Plan vernichtet werden, entweder durch zehn, 15 oder 20 Jahre Lager oder durch direkte Erschießung“. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs habe man gedacht, es sei nun vorbei, doch die Lager bestanden weiter. Auch nach dem Tod Stalins 1953 wurden sie nicht geschlossen. Die meisten Gulag-Lager bestanden bis 1960, andere bis in die Mitte der 1960er Jahre. Einige Lager für politische Häftlinge aber existierten bis 1980. Schumacher zeigte sich vom Film „beeindruckt“ und sagte, man hätte jahrelang nicht gewusst, was in Russland passierte: „Die Archive waren verschlossen“. Mit Beginn der Perestroika durch Gorbatschow 1985 sickerten dann erste Informationen über die Stalinschen Todeslager durch. Putin hingegen wolle darüber nichts veröffentlicht wissen. „Es gibt bis heute nur ein einziges Denkmal, in Magadan, das an die Straße des Todes erinnert“, kritisierte der Journalist. Zwar sei Putin einmal dorthin gereist und habe auch dem Leiter eines kleinen Dorfmuseums mit vereinzelten Gegenständen aus der Straflagerzeit den Ehrenorden verliehen, „aber für 20 Millionen Gulagtote ist das ein bisschen wenig“. 

Die an der Kolymar beförderten Edelmetalle und die Erträge aus den gerodeten Wäldern seien noch bis heute bedeutsam für die russische Staatskasse. Auch lebten dort bis heute Nachfahren sowohl der damals Inhaftierten als auch ihrer Aufseher als ausgebildete Goldminen- und Diamantenexperten. Wer Arbeit habe, verdiene heute recht gut. Viele Menschen aber lebten in Armut. „Es fließt sehr viel Wodka, 80 Prozent der dort Lebenden sind alkoholkrank“. Diese Menschen kämen dort nicht weg, da ihnen die Mittel für einen Transport in den zivilisierten europäischen Teil Russlands  fehlten. Hinzu kämen Riesenentfernungen ohne Zugverbindungen. Und eine Flucht sei eigentlich nicht möglich, weder im Sommer mit 35 Grad plus noch im Winter mit bis zu minus 76 Grad. 

Auch heute gebe es bei Gerichtsurteilen für Kriminelle meistens Lagerhaft. „Offiziell gibt es in Putins Russland keine politischen Häftlinge. Wer aber politisch als unbotsam gilt, wird oft wegen vorgeblich krimineller Delikte angeklagt und in ein Lager abkommandiert“. Vor allem NGOs hätten es schwer, dagegen einzuschreiten, weil der Kreml mit allen Mitteln zu verhindern versuche, dass sich die Menschen in Russland mit diesem Thema einer heutigen politischen Opposition wie auch des früheren Stalinschen Terrors beschäftigen. 

Kommentar: Den leider nur 40 Besuchern hat der 2017 für das ZDF produzierte Film wichtige neue Erkenntnisse über die Gulap-Zeit vermittelt. Aber mindestens ebenso bedeutsam waren die Informationen von Dietmar Schumann, der die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenhänge Russland von der Stalin-Ära bis heute verständlich und glaubwürdig überzeugend rüber gebracht hat. Großes Kompliment!