Aktuelles

IMG_1231.jpg

Bild: naxos-Moderatorin Antje Lang (l.) hatte die Journalistin Sarah Mabrouk als Gast zum Filmgespräch über die Gerson-Therapie eingeladen.Aus der anfänglichen Skepsis der Regisseurin gegenüber dem Thema sei dann doch ein ganz anderer Film entstanden.

Während eines USA-Aufenthalts hört die Journalistin Sarah Mabrouk einen Radiobeitrag über eine alternative, auf Ernährung basierende Therapie gegen Krebs. Sie fragt sich, ob eine bestimmte Ernährung Krebs heilen oder die Krankheit zumindest zum Stillstand bringen kann. Ihre journalistischen Zweifel sind geweckt. Daraufhin habe sie beschlossen, „einen Artikel darüber zu schreiben, wie alternative Krebskliniken in Mexiko Geld mit verzweifelten Kranken machen“, schreibt Tobias Hausdorf in der FAZ vom 13. August 2019. Am selben Abend ist Sarah Mabrouk als Regisseurin zu Gast bei Antje Lang im naxos.Kino. Es läuft die Dokumentation „The Food Cure – Hoffnung oder Hype?“

„Ich habe mich in eine Klinik in Mexiko eingeschmuggelt, um die nach dem deutschen Arzt Dr. Max Gerson benannte Gerson-Therapie am Krankheitsverlauf von Patienten zu verfolgen“, sagte Mabrouk. Zuvor habe sie recherchiert, aber weder Fakten noch gar wissenschaftliche Studien zum Thema entdeckt. „Dann habe ich sechs Patienten gefunden und diese fünf Jahre lang mit der Kamera begleitet.“

Diese Menschen haben Krebs, Chemotherapien, Bestrahlung oder Operationen durchlitten. Doch als der Krebs schlimmer zurückkommt, entscheiden sie sich für eine besondere Ernährungstherapie, eine radikale pflanzenbasierte Ernährung – die Gerson Therapie: Sie soll das Immunsystem stärken und beruht auf einer „Überflutung mit Obst und Gemüse“ , 20 Pfund pro Tag. „Das ist beileibe keine gesunde Ernährung, da sie nicht ausgewogen ist“, kritisierte die Regisseurin. Jedoch entwickele sich die Therapie so langsam zu einer gewissen Akzeptanz, weil erste Ergebnisse in Form von Erfahrungen vorlägen. Zwar erhebe die Therapie nicht den Anspruch, Krebs oder eine andere Krankheit heilen zu können. Ihr Ziel sei es vielmehr, den Körper so zu stärken, dass das Immunsystem wieder voll funktionstüchtig werden solle, damit es Krebszellen erkennen und nebenwirkungsfrei eliminieren könne. „Eine Lösung ist die Therapie aber noch nicht, es gibt kein einziges Mittel, das Krebs heilt“, meinte Mabrouk, die sich dieses Urteil auch von Onkologen bestätigen lassen hatte.

naxos-Moderatorin Antje Lang fragte nach, warum sich die Patienten über fünf Jahre hinweg haben begleiten lassen und ob es auch Versuche von Selbstheilung unter ihnen gegeben habe. „Sie wollten zunächst anderen Patienten neue Anhaltspunkte vermitteln“, antwortete die Regisseurin. Darüber hinaus sei der Placebo-Effekt in der Medizin anerkannt: „Sie glauben an die Krebsheilung auf Ernährungsbasis, denn sie kämpfen nicht nur gegen den Krebs, sondern auch gegen ihre eigenen Ernährungsgewohnheiten, die es oft schwer machen, die strengen Regeln der Gerson-Therapie einzuhalten, wenn weltweit parallel dazu die Ernährung immer stärker zu fast food tendiert“.

Die sechs Protagonisten des Films kommen aus Toronto, Montreal, Frankreich, Mississippi und der Schweiz. Da es in den USA und in Kanada nicht legal ist, Patienten allein mit einer Ernährungstherapie zu behandeln, gibt es dort keine Gerson-Kliniken. Die Patienten reisten daher nach Mexiko, Chile oder Ungarn. Zwei Patientinnen sind mittlerweile verstorben. Bei den anderen vier sei der Krebs nicht mehr nachweisbar. Ihre Hoffnungen in Sachen Krebsbesiegung setzte die Regisseurin auf künftige Medizinstudierende und junge Mediziner, die die Medizin verändern könnten. Die Basis dazu könnten die vier Überlebenden bilden, „denen es heute gut geht“.

Zuletzt aktualisiert: 15. August 2019
IMG_1202.jpg

Bild: v.l.n.r.:3sat-Redakteurin Nicole Baum, Regisseur Peter Heller und iaf-Sprecherin Winny Henkel mit naxos-Moderator Wolf Lindner.

Nach Angaben von Winny Henkel, Sprecherin Verband Binationaler Familien und Partnerschaften e.V. (iaf), ist inzwischen jede fünfte Ehe in Europa binational: „Das ist alles nicht einfach“. Als Beleg lief am 30. Juli 2019 der Film „Cool Mama“, eine dokumentarische Langzeitbeobachtung von 1999 bis 2016 über zwei Leben zwischen Deutschland und Kenia.

Die Münchner Modeschöpferin Ann Dörr betrieb zusammen mit ihrem „Mann“ Akin zwei Jahrzehnte lang das Africa & House in Schwabing und wollte dort ein anderes Afrikabild vermitteln. Die Geschäftsfrau rettet den Afrikaner vor der Ausweisung durch Heirat und findet in ihm einen jüngeren, fleißigen und tüchtigen Partner fürs Leben. Doch sie ahnt nichts von seiner Frau und seinen Kindern in Afrika. Die Suche nach Verständnis und Völkerverständigung führte schließlich zu einem polygamen Familienverbund, zu dem Akins Familie nach München übersiedelt.

Regisseur Peter Heller hat das ungewöhnliche Miteinander 15 Jahre lang mit der Kamera begleitet und zeigt, wie sich die Frauen arrangieren, ihre Rollen neu definieren und wie schließlich ein neuer Mann in Anns Leben tritt und damit das labile Gleichgewicht stört.

Nicole Baum, Redaktion 3-Sat, war vorn dem Film fasziniert, weil er mehr Fragen als Antworten liefere: Handelt es sich eher um Polygamie oder um Rassismus? Heller wollte „keinen Film über Afrika, sondern über afrikanische Kultur“ drehen. Da lernt man zu schweigen“. So sei auch „anfangs nicht klar gewesen, was wir eigentlich zeigen wollten“. Die Dokumentation wirke deshalb ungestellt, weil stets nur ein Kameramann drehte, der mit der jeweiligen Umwelt vertraut gewesen sei. Schwieriger sei es gewesen, das Vertrauen der afrikanischen Kinder zu gewinnen. Erschwerend hinzu kam, dass Akim immer von Ann abhängig war und nur kleinere Rechte zugestanden bekam.

Seit dem Ende der Beziehung existiert auch das Africa & House in München nicht mehr. Akin ist derzeit in einem Hotel angestellt und hat keinen Kontakt mehr zu Ann. Er lebt mit seinen Kindern in einer gemeinsamen Wohnung. Sie wollen in Deutschland bleiben und das Abitur machen Seine Frau Boda hat sich von ihm immer stärker emanzipiert, während Ann ihre anfängliche Dominanz immer weiter eingebüßt und einen neuen weißen Freund gefunden hat. Laut Heller gibt es die totale Offenheit in der Dokumentation nicht. In diesem Fall zeige die „Diktatur der weißen Frau“ eine Art exibitionistischer Lust, sich zu öffnen. Aber derartige Filme trügen wesentlich mehr zum Dazulernen bei, „als dumme Ratgeberfilme zu schauen“.

Zuletzt aktualisiert: 01. August 2019
IMG_1171.jpg

Bild: Naxos-Moderator Wolf Lindner (r.) und seine Gäste: v.l.n.r. Kirstin Koch, Jugendschutzbeauftragte am Jugend- und Sozialamt der Stadt Ffm., Regisseur Pablo Ben Yakov und Prof. Benno Hafenegger, Rechtsextremismus-Spezialist mit Schwerpunkt Parteienforschung an der Uni Marburg,

Eine »Influencer«-Clique aus Dresden zeigt die dunklen Seiten der Generation-Internet auf. Popstar-Status im Web mit 300.000 und mehr Abonnenten auf diversen Social-Media-Kanälen. Deren Aktivitäten: Videos und Fotos über Saufen und Pöbeln mit pervertierter Schaulust. Ihre Nadel der Suchtbefriedigung ist das Handy. Am 16. Juli 2019 lief die Doku „Lord oft he Toys“ auf Naxos. Bemerkenswert: überwiegend jugendliches Publikum, das beim anschließenden Filmgespräch (leider) nicht mehr vor Ort war.

Professor Hafenegger schätzte die dargestellte Clique unter vier möglichen Perspektiven ein: Es handele sich entweder a) um mediensozialisierte junge Menschen, die damit ihr Geld verdienten, oder b) um eine postadoleszente Clique, die ihre Dynamik über Saufen, Pöbeln und Handy auslebt, oder c) um eine anscheinende Zugehörigkeit zum rechtsextremistischen Lager mit Sexismus pur und entsprechendem Machoverhalten oder d) um eine durch Alkohol und Gewalt aufgeheizte Atmosphäre auf Basis einer generell aggressiven Gefühlswelt.

Die Frankfurter Jugendbeauftragte Kirsten Koch kritisierte den „jugendafinen Film“ als schwierig und langatmig, weil er zu kameraorientiert sei: „Ich erfahre zum ersten Mal eine Jugendkultur, die ich nicht mehr verstehe“.

Regisseur Pablo Ben Yakow war durch Youtube auf den Protagonisten Max aufmerksam geworden: „Hunderttausende Subscriber für einen Influencer sind nichts Neues. Sie verdienen über das Netz mehr als in ihren gelernten Berufen“. Doch gerade dieses Phänomen benutzte er als Grundlage für seinen Film mit zweijähriger Drehzeit. Über diesen Zeitraum habe Protagonist Max als Influencer alles Inhaltliche bestimmt: „Er fand es logisch, dass ein Medium an ihm interessiert war“. So sei die Planung des Films schwierig bis unmöglich gewesen, weil auch der Verdacht bestanden habe, dass die „Jungs“ aktuell nur „für unsere Kamera gespielt haben“.

Hafenegger zufolge konnte sich hier eine Clique ganz in ihrem Selbstverständnis darstellen. Offen bliebe jedoch die Frage, welchen Zugang „wir zur Lebenswelt von Jugendlichen haben, die wir gar nicht erfassen können“. Und Koch sah in der Doku „ein offenes Ende dieser Handy-Kultur“, von der man „kaum Zukunftsperspektiven“ erkennen könne.

Zuletzt aktualisiert: 17. Juli 2019
2019-06-18KlangderStimme_filmgesprch.jpg

v.l.n.r: Sopranistin Britta Stallmeister, Moderatorin Reinhild Bernet, naxos.Kino, und Cutter Dave Leins im Gespräch über Stimmkünstler und-phänomene. Foto: Carola Bennighoven

Es geht ins Körperinnere mit einem geschluckten Endoskop Die Brasilianerin Georgia Brown singt in normaler Tonlage, dann immer höher. Je höher, desto unan­ge­nehmer wird es, der Würgereiz kündigt sich an. „Wonderful, excellent“, lobt der Forscher beim Entfernen des Endoskops. „Wonderful?!? Fuck you!!!“

Das Publikum im Naxos-Kinosaal, vorwiegend Chor-Sänger*innen, lacht hell auf und ist begeistert über die junge Frau, die kurz die Beherr­schung verloren hat. Sie steht aktuell im Guinness Buch der Rekorde als Person mit der höchsten Sing­stimme. Der Beschimpfte ist Matthias Andernach, Stimm­for­scher, er will das Phänomen Stimme und auch das Phänomen Georgia Brown ergründen. Doch ist Entschlüs­se­lung ohne Entzau­be­rung möglich, ist sie überhaupt wünschens­wert?

Diese und andere Fragen bewegten die Gesprächsgäste, in deren Gesichtern nach den dringend zu empfehlenden 90 Kino-Minuten etwas zu sehen war, was der Mensch sonst kaum erlebt: reflektionsfrei glücklich im Moment aufzugehen.

Wie schwierig es mitunter war, diese hoch­e­mo­tio­nalen, im Falle der eingangs beschrie­benen Sequenz auch befreiend komischen Momente aus Proben- und Therapie-Alltag zu mischen, davon konnte Gesprächsgast Dave Leins ein Lied singen. Aus über 200 Stunden Filmmaterial haben der Cutter und sein Schnitt-Team in über zwei Jahren Produktionszeit diesen vorzüglich fotografierten und preisgekrönten Dokumentarfilm erstellt. Die Auswahl der Protagonisten und sonstigen Mitwirkenden stießen auf große Resonanz beim Publikum. Der Wissen­schaftler Andernach, die Sopranistin Regula Mühlemann, der Vokal­künstler Andreas Schaerer und  Stimm­therapeutin Miriam Helle – sie alle setzen sich beruflich mit der mensch­li­chen Stimme ausein­ander. Sie alle hat Regisseur Bernard Weber zur Brust genommen und interviewt. Herausgekommen ist wahrlich Inspi­rie­rendes über diesen Schall, den wir in uns erzeugen, der unsere Wider­sprüch­lich­keiten wider­spie­gelt und der für sich genommen als Kommu­ni­ka­ti­ons­mittel mitunter wirksamer sein kann als Sprache.

Weber ist es gelungen, mit vielen Fragmenten die große Bandbreite der menschlichen Stimme aufzuzeigen – und die umfangreiche Möglichkeit, sich darüber auszudrücken.Eine Live-Gesangskostprobe der Sopranistin Britta Stallmeister rundete diesen klangvollen Abend ab. Im Gespräch berichtete das ehemalige Ensemble-Mitglied der Frankfurter Oper, die wie so viele Kolleg*innen auch unterrichtet, vom steinigen Weg in den „Opern-Olymp“. Das Publikum war ganz Ohr und lauschte gespannt den Ausführungen und so manch eine/r nahm Tipps zum Singenlernen und zur Stimmbildung mit nachhause.

Denn auf gar keinen Fall geht es bei der Schweizer Produktion um Bewunderung und Anbetung abgehobener Stimmkünstler, sondern um Eigenermächtigung und Anleitung zur Suche nach dem eigenen Klang. Dass Singen gesund und glücklich macht, waren weitere Erkenntnisse des verbalen Austauschs.

Text: Reinhild Bernet, naxos.Kino

Zuletzt aktualisiert: 16. Juli 2019
IMG_1143.jpg

V.l.n.r.: naxos-Moderator Wolf Lindner im Gespräch mit Dr. Wolfgang Richter, 1992 Ausländerbeauftragter des OB von Rostock, und ZDF-Redakteur Dietmar Schumann.

Rostock-Lichtenhagen, Szenen um den 23. August 1992: Nach tagelangem Ausnahmezustand eskaliert die Jagd auf Hunderte vietnamesischer Flüchtlinge mit Ausbrennen des bewohnten Flüchtlingsheimes. Redakteur Dietmar Schumann, eingeschlossen in den Flammen, dokumentiert den Aufruhr aus unmittelbarer Nähe. Unter den Betroffenen auch Dr. Wolfgang Richter, damals Ausländerbeauftragter in Rostock. Gerettet werden sie sowie die bedrohten Vietnamesen im letzten Moment. Zum Filmgespräch am 2. Juli 2019 kamen beide als Zeitzeugen und Gesprächspartner von Moderator Wolf Lindner ins naxos.Kino. Zuvor liefen die Dokumentationen „Die Schande von Rostock“ sowie „Randale in Rostock“. Das war gleichzeitig der Start der neuen Filmreihe „Spiel.Dok“, in der ein Thema jeweils durch eine Dokumentation im naxos.Kino sowie durch einen Spielfilm im Filmmuseum-DFF zum selben Ereignis dargestellt wird.

Auch nach 27 Jahren machen seine damaligen Bilder Schumann noch immer betroffen. „Der rechtsradikale Schoß ist noch immer fruchtbar, daran hat sich nichts geändert“, sagt er. Nur dass der Rechtsradikalismus inzwischen von den neuen in die alten Bundesländer gewandert sei, in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Die AfD-Chefs heute seien Westdeutsche, die mitlaufende Masse seien Ostdeutsche. „Der Rechtsstaat hat sich für mich verabschiedet“, sagte Schumann. „Die Bilder kriegst Du nicht mehr aus dem Kopf“, ergänzte Richter. Denn bestürzend dabei sei gewesen, dass die Polizei die Feuerwehr beim Löschen behindert hatte und zusah, wie die Flüchtlinge gehetzt wurden. „Wenn die Politik bewusst wegschaut, ändert sich nichts.“ So sei der damalige Rostocker OB von seiner Partei (SPD) zum Rücktritt gedrängt worden.

Richter selbst war im Mai 1991 zum Ausländerbeauftragten berufen worden Als zentrale Anlaufstelle war er unter anderem für die „Vertragsarbeitnehmer“, sprich Fremdarbeiter, zuständig. In dieser Funktion war er einmal pro Woche in Lichtenhagen gewesen und hatte das dort entstandene Neubaugebiet schnell als sozialen Brennpunkt ausgemacht und den Beschluss für ein dort zu installierendes Fremdarbeiterheim als Fehlentscheidung bewertet. „Die Vietnamesen mussten ihre Anträge auf Bleiberecht auf der Wiese stellen. Da habe ich gelernt, was Pogrom bedeutet“ (Ausschreitungen gegen nationale, religiöse oder ethnische Minderheiten, Anm. d. Redaktion). Er habe zwar versucht, Dinge zu verbessern. Dem entgegengewirkt hätte jedoch die „Rattenfängertaktik“, nach der die Rechtsextremen das Wohnheim mit Unterstützung einer starken Rechtsszene angegriffen hätten.

Bei der damaligen DDR habe es sich um eine geschlossene Gesellschaft gehandelt, in der keine Reisemöglichkeit und somit keine Erweiterung des eigenen Horizontes bestanden habe, meinte Schumann. Das dürfe jedoch nicht als Entschuldigung für Rassismus herhalten. Schlimmer noch sei es heute, da etwa Jura-, Medizin- und BWL-Burschenschaften zum Großteil die AfD und potenzielle rechtsradikale Organisationen unterstützten. Hier sei eine Tendenz sichtbar, in der künftig CDU und AfD koalieren könnten – und das mit Unterstützung der Wirtschaft.

Zuletzt aktualisiert: 04. Juli 2019
IMG_1114.jpg

Bild: V.l.n.r.: naxos-Moderatorin Hilde Richter mit ihren Gesprächsgästen Kirsten Huckenbeck, Dozentin an der UAS im Fachbereich Soziale Medien und verantwortliche Redakteurin der Monatszeitschrift Express, sowie Karin Zennig, ver.di-Sekretärin im Fachbereich Handel.

China ist einer der größten Industrietomatenproduzenten. Die Handelsware wird weltweit zu internationalen Großkonzernen verschifft: Ziel: Profit. Zehntausende Migranten aus Afrika schuften in der Landwirtschaft Spaniens und Italiens zu Unterlöhnen: Ziel: Ausbeutung. Obst und Gemüse wird zu Billigstpreisen verkauft. Die Dokus „Das rote Gold der Tomatenindustrie“ und „Europas Dreckige Ernte“ liefen als unrühmliche Beispiele von Profit und Ausbeutung am 11. Juni 2019 im naxos-Kino.

Laut Kirsten Huckenbeck, Dozentin an der UAS im Fachbereich Soziale Medien und verantwortliche Redakteurin der Monatszeitschrift Express, zeigten die Filme eine Ungleichzeitigkeit. Es gebe keine Entwicklung zu den Menschenrechten. Arbeitsverhältnisse würden freigesetzt, was einer „Entrechtung durch Überausbeutung“ gleichkomme, vor allem für Migranten auf der untersten Stufe. Karin Zennig, ver.di-Sekretärin im Fachbereich Handel, beklagte, dass sowohl Billig- als auch Markenprodukte/ -güter in den selben Fabriken bzw. auf den selben Feldern hergestellt würden: „Der Preis ist unterschiedlich und lässt sich nicht regulieren“. Die Monopolisierung gewisser Branchen gehe einher mit der Aushebelung von Arbeits- und Asylrecht.

Mit Hilfe von Green- und Whitewashing-Zertifikaten könnten diese Branchen ihre Politik der Unterhöhlung von Arbeitsrechten ungehindert weiterbetreiben, bestätigte Huckenbeck. Eine Kostenkalkulation auf legaler Basis könne somit nicht stattfinden. Zennig kritisierte, dass Vergaberichtlinien wie etwa Tarife und Grundrechte nicht eingefordert würden. Auf diese Weise seien allein 40.000 von rund 65.000 Illegalen in der spanischen Ernte untergetaucht mit der Angst vor Abschiebung, wenn sie sich wehren. Vielmehr seien sie dankbar, überhaupt einen Job zu haben.

naxos-Moderatorin Hilde Richter haakte nach, wie denn Arbeit als Motor einer Wirtschaftlichkeit eingesetzt werden könne. Dazu müsse ein Konkurrenzkampf unter den Migranten unterbunden werden, meinte Huckenbeck. Es bestehe zwar ein freier Geld-, Investitions- und Konsumentenverkehr, es mangele jedoch an einem freien Arbeitnehmerverkehr, wo die Beschäftigten ihre eigenen Interessen gegen die Aushöhlung von Rechten vertreten. Das Konkurrenzprinzip sichere somit die Ausbeutung.

Zuletzt aktualisiert: 13. Juni 2019
a18cf8ed17fbe9a0106549e3c0bac3fa_IMG_5385p1neu.jpg

Foto: Silke Wiegand, v.l.n.r: Die Filmemacher*in Tim van Beveren und Kyra Steckeweh, Moderatorin Reinhild Bernet, naxos.Kino, und die Frankfurter Gitarristin Heike Matthiesen, Vorstandsfrau Archiv Frau und Musik, im Gespräch über die filmische und musikalische Spurensuche nach vergessenen Musikerinnen.

Um vergessene Komponistinnen und die Frage, warum Komponistinnen über Jahrhunderte kleingehalten wurden und man es wohl erst den Frauenbewegungen des 20. Jahrhunderts zu verdanken hat, dass Musik von Frauen überhaupt wieder gehört wird, ging es bei diesem Filmabend, der mit einem außergewöhnlichen Konzert im großen Theaterraum der Naxoshalle begann. Der Pianist Leonhard Dering brachte die „Four Lilith Valses“ (2018) der brasilianischen Komponistin Marcela Luctalli zur deutschen Erstaufführung. Wegen erschwerten Arbeitsbedingungen ist die international tätige Brasilianerin, die sich gerne als Pomposerin bezeichnet und auch als Vocal Artist performt, nach Dänemark ausgewandert, wie sie im anschließenden Interview erläuterte.Nach dem Interview konnte das Publikum noch einer Kostprobe ihrer Gesangs- und Stimmperformance-Kunst lauschen, bevor es zur Filmaufführung ging.

Frauen haben keine Relevanz in der Musikgeschichte. So könnte man jedenfalls beim Blick auf so manches Programm großer Konzert- und Opernhäuser meinen. Klassikliebhaber würden an dieser Stelle sofort Namen wie Clara Schumann, Fanny Hensel und Hildegard von Bingen ins Feld führen. Eine Befragung des zum Filmabend „Komponistinnen“ zahlreich erschienenen Publikums ergab weitere Treffer wie Ethel Smith, Francesca Caccini oder Louise Farrenc. Und doch ist die Liste der Komponistinnen, die in der Geschichte der ernsten Musik Beachtliches leisteten, in Wirklichkeit bedeutend länger. Das stellte auch die Pianistin Kyra Steckeweh eines Tages fest, nachdem sie vorwiegend Kompositionen von Männern in ihrem Repertoire vorfand. Wie die Filmemacherin belustigt erzählt, habe sie mal im Leipziger Gewandhaus mitgezählt – und in sechs Monaten eine einzige Komponistin entdeckt, von der dort etwas gespielt wurde. Ansonsten waren es alles Männer. Darauf aufmerksam zu machen, sei ein Ziel des Films - und vielleicht auch einen Stein ins Rollen zu bringen, dass Leute mit anderen instrumentalen Schwerpunkten sich damit beschäftigen. Dass sich nunmehr der Anteil an Werken von Komponistinnen im Leipziger Gewandhaus in der Saison 2019/2010 deutlich erhöht habe, lässt hoffen, könnte aber auch am Jubiläumsjahr zum 200. Geburtstag der in Leipzig geborenen Clara Wieck-Schumann liegen, wie Steckeweh augenzwinkernd anmerkte.

Die Pianistin, die zudem studierte Historikerin ist, hat den Film zusammen mit dem Berliner Regisseur und Filmemacher Tim van Beveren produziert. Mit ihm recherchierte sie gemeinsam in Archiven, Bibliotheken und Verlagen und begab sich auf Spurensuche zu den Lebens- und Wirkungsstätten von Mel, Bonis, Lili Boulanger, Emilie Mayer und Fanny Hensel. Zudem traf sie auf im Film auf Musikwissenschaftlerinnen und andere Experten und sprach mit ihnen über den Umgang mit dem Erbe dieser zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Frauen. Mit der Erinnerungskultur an die vier unerhörten Frauen sei es nicht zum besten bestellt, gehen doch die Orte, an denen gewirkt haben, sehr unterschiedlich mit diesen Persönlichkeiten um.

Tim van Beveren weist darauf hin, dass heute am besten Fanny Hensel repräsentiert sei. Das liege daran, dass sie an die sehr namhafte Familie Mendelssohn angebunden ist. Sie war die ältere Schwester von Felix Mendelssohn. Ihr Bruder hat sie zeitlebens als Komponistin nicht unbedingt unterstützt, aber sie habe gute Möglichkeiten gehabt, sich künstlerisch zu verwirklichen. Und, ganz wichtig, ihr Nachlass sei heute gemeinsam mit dem Nachlass ihres Bruders in der Berliner Staatsbibliothek repräsentiert. Lili Boulanger hat davon profitiert, dass ihre Schwester Nadja Boulanger sie lange überlebt hat - sie hat bis in die 70er Jahre gelebt - und sich auch um das musikalische Erbe ihrer kleinen Schwester gekümmert hat.

Wie Steckeweh betont, sind das also die zwei Komponistinnen, die heute am besten repräsentiert sind. Demgegenüber wurde Mel Bonis, die ihre weibliche Identität verleugnete und sich "Mel" und nicht "Melanie" Bonis nannte, um dem Berufsverbot als Komponistin zu entgehen. erst vor wenigen Jahren wiederentdeckt. Und auch das Werk Emilie Mayers, die selbstständigste und unabhängigste der vier Frauen, hat sehr lange in Archiven geschlummert. Ihr Grab wurde in den 60er Jahren einfach zugeschüttet und ein neues Grab drauf errichtet - weil niemand wusste, dass es das Grab einer tollen Komponistin ist. Sehr stolz sind die beiden Filmemacher darauf, im Zuge der Dreharbeiten das Grab von Emilie Mayer in Berlin wiederentdeckt zu haben. Ein großes Ziel von ihnen sei nun, dass es ein Ehrengrab werde. Mal sehen, ob das gelingt!

Eine besondere Rolle kam an diesem Abend auch dem Frankfurter Archiv Frau und Musik zu, das in diesem Jahr sein 40-jähriges Jubiläum feiert. Archiv-Vorstandsfrau Heike Matthiesen, selber Komponistin und Gitarristin, erzählte von der Arbeit des existenz-bedrohten Musikarchivs und und machte darauf aufmerksam, dass an dieser Stätte Werke, Noten und Materialien von 1.800 Komponistinnen zu finden seien. Ermöglicht wurde die Entdeckungsreise zu den vergessenen und „unerhörten“ Musikerinnen durch die großzügige Unterstützung der Frankfurter Stiftung maecenia für Frauen in Wissenschaft und Kunst.

Text: Reinhild Bernet, naxos.Kino

Zuletzt aktualisiert: 12. Juni 2019
IMG_1102.jpg

Bild. V.l.n.r.: Chris Gaa, Vorsitzender Bündnis für Akzeptanz und Vielfalt bei der Frankfurter Aidshilfe, naxos-Moderatorin Barbara Köster und Christian Setzepfand, Autor und Stadthistoriker von der Aidshilfe Frankfurt.

(RH) „Queer“ bezeichnet im Englischen ursprünglich ein Schimpfwort, mit dem vornehmlich Schwule, aber auch andere von den heteronormativen* Regeln Abweichende bedacht wurden (*Anschauung, die die Heterosexualität als soziale Norm postuliert, Anm. d. Red.). Queer steht heute für eine Art Sammelbecken, in dem sich je nach Selbstaussage außer Schwulen, Lesben, Bisexuellen, Intersexuellen, Transgendern, Pansexuellen, Asexuellen und BDSM-lern auch heterosexuelle Menschen finden. Eine Besonderheit von queer im Vergleich zu Identitäten wie lesbisch oder schwul ist, dass die Betonung auf der eigenen Geschlechterrolle, Geschlechtsidentität bzw. Lebensweise liegt, während ein etwaiger Partner eine geringere Rolle spielt. Vor diesem Hintergrund fragte der Workshop-Film „Männerfreundschaften” von Rosa von Praunheim am 4. Juni 2019: „Wie schwul war die deutsche Klassik?“

Seriöse journalistische Interviews, ernsthaft recherchierte historische und literaturwissenschaftliche Hintergründe sowie gestellte Szenen betrachteten Goethe, Schiller, Humboldt, Brentano und Kleist aus moderner Sicht. War Goethe schwul, fragte naxos-Moderatorin Barbara Köster. Autor und Stadthistoriker Christian Setzepfand von der Aidshilfe Frankfurt zufolge lägen Zitate von Goethes Homoerotik vor, aber aus heutiger Sicht könne man ihn nicht als schwul bezeichnen. Der Begriff tauche erstmals im Englischen des 19. Jahrhinderts auf und stehe für „warm, schwül“. Homosexualität sei dort zunächst 1868 aufgetaucht, jedoch nicht pathologisiert gemeint. Der Begriff habe sich erst in den 1970-ern positiv gewandelt. „Schwul ist heute ein Kampfbegriff“, so Setzepfand.

Chris Gaa, Vorsitzender Bündnis für Akzeptanz und Vielfalt bei der Frankfurter Aidshilfe, sah in dem Begriff eine „Behinderung der Gesellschaft“, der sich unter anderem aus der Folge von Patriachat, Sexismus, Antisemitismus als abwertender Normbeschließer verstehe. Den Film bewertete er als „noch notwendig“, weil sich die Menschen nach wie vor fragten, wie ihre Sexualität zu ihnen passt. Zwar gebe es noch Gräben zwischen lesbisch und schwul, es bestehe inzwischen jedoch eine Plattform für den Austausch, etwa über die Website „60 Möglichkeiten der Sexualität“. So habe der New Yorker slang „queer“ bis in die 90-er des 20. Jahrhunderts bedeutet: junge, athletische, weiße Männer. Darüber hinaus müssten aber auch weitere Schönheitsideale einbezogen werden. Insgesamt gehe es heute um Romantik, Inklusion sowie Integration sämtlicher Trans-Communities.

Zuletzt aktualisiert: 17. Juli 2019
2019-03-26-Filmgespraech-Yves.jpg

Bild: Regisseurin Melanie Gärtner (r.) erläuterte Moderatorin Barbara Köster und den Gästen die Hintergründe und Entwicklung zu ihrem Film über einen Flüchtenden, der aufgrund des sozialen Drucks nicht in seine Heimat zurückkehren kann.

Seit etwa 2008 versucht der Kameruner Yves, in Europa Fuß zu fassen. Seine Ziele: Aufenthaltsgenehmigung, Arbeitsvertrag mit festem Job, der Familie im heimischen Dorf finanziell zum Überleben verhelfen. Sein Versprechen: Erfolg haben. Er darf nicht scheitern, darf seine Familie nicht enttäuschen. Filmemacherin Melanie Gärtner hatte ihn etwa sechs Jahre vor Drehbeginn in einem Auffanglager der spanischen Enklave Ceuta kennengelernt und von seiner Odyssee von Kamerun nach Spanien gehört. Sie hatte sich mit ihm angefreundet und ihn ein Stück weit begleitet. Ihre Bekanntschaft führte zu der Idee, einen Film über Yves´ Fluchtversuche von Afrika nach Europa zu drehen. Am 26. März 2019 lief „Yves´ Versprechen“ im naxos.Kino.

Hintergrund: Seine Tochter wurde von einem „mächtigen Mann“ vergewaltigt, der aufgrund des korrupten Systems nicht für sein Vergehen zur Verantwortung gezogen wurde, da er sich freikaufen konnte. Er griff den Mann an und musste nach Marokko flüchten, von wo er nach Kamerun abgeschoben wurde. Jetzt war er wieder in Marokko und wollte erneut per Schlauchboot nach Spanien aufbrechen. Moderatorin Barbara Köster entdeckte eine unterschwellige „Spielfilm-Qualität“, Regisseurin Melanie Gärtner beschrieb die einzelnen Schritte, die dazu führten.

Trotz seiner Flucht war ihm bewusst, dass der Weg zu einem damit verbundenen Asyl kaum gegeben war. Aber diese Strapazen waren lohnenswerter als ein Weitermachen in Kamerun. Seine erste Abschiebung nach Kamerun verschwieg er seiner Familie, weil er sich seines „Misserfolgs“ schämte. Jedoch gab er der Regisseurin die Erlaubnis, seine Familie aufzusuchen und informierte diese darüber. So verfestigte sich bei Gärtner die Idee einen Film über Yves zu drehen, der jedoch in eine andere Richtung ging als ursprünglich geplant. Denn plötzlich nahm auch Yves´ Familie einen gewichtigen Raum im Film ein.

In Bilbao schlief er unter einer Brücke und lebte bei NGOs, ständig von der Angst begleitet, ohne Papiere erwischt und ein weiteres Mal abgeschoben zu werden. „Sein erster Erfolg ist zunächst seine Ankunft in Spanien“, sagte Gärtner. „Seine Enttäuschungen, seinen illegalen Aufenthalt und seine Arbeitslosigkeit verschweigt er jedoch seiner Familie. Vielmehr spricht er über seine Liebe zu ihnen und dass er bald Erfolg haben würde.“ Schließlich reist sie persönlich nach Kamerun, um seine Lebenssituation und die seiner Familie zu verstehen.

Gärtner schneidet dann Drehphasen mit Yves sowie Interviews mit seinen Schwestern, Brüdern und seinem besten Freund in deren Dorf zusammen. So erfährt man über den Tod von Yves Mutter im Alter von 33 Jahren, die Arbeitslosigkeit und die zunehmenden Krankheiten seines Vaters, die notgedrungenen Feldarbeiten seiner Schwester, den harten Tagesjob seines älteren Bruders sowie die Obdachlosigkeit seines jüngeren Bruders. Yves hatte als einziger der Familie die Schule besucht. Seine Pflicht ist es daher, die Familie zu unterstützen. Das aber erscheint nicht möglich, denn er erkennt den Widerspruch, für den er sich schämt und deshalb der Familie lediglich künftige Möglichkeiten der Unterstützung in Aussicht stellt. Sein bester Freund daheim spricht zwar immer liebevoll über Yves, doch bei allem schwingt in seinen Worten der Unterton mit, Yves müsse sich anstrengen, um die Familie endlich zu unterstützen.

„Wir sind während des Drehs bei der Familie mit einem kleinen Team äußerst vorsichtig vorgegangen“, sagte Gärtner. Dies einerseits aus Respekt, andererseits um keinen „falschen Hollywood-Rummel und damit falsche Vorstellungen im Dorf zu verbreiten“. Denn Yves konnte nicht zurückkehren, da die sozialen Ächtungen für jemanden, der mittellos zurückkehrt, so stark sind, dass er mit seiner Familie daran zerbrechen könnte. Seine Konsequenz: besser seine geliebte Familie solange nicht wiedersehen, bis er sie erfolgreich unterstützen kann.

Am Ende des Films beschließt Yves – inzwischen in Frankreich gelandet – sich zur Fremdenlegion zu melden. Er hat keinen festen Job, kein festes Einkommen, kann seiner Familie somit nicht helfen. Er hat seine Ziele nicht erreicht. Schluss!

Der Eintritt in die Fremdenlegion sei an seinen mangelnden Sprachkenntnissen gescheitert, berichtet Gärtner im Filmgespräch. „Heute lebt er in Bilbao, absolviert Sprachkurse sowie eine Ausbildung zum Klempner und arbeitet schwarz als Kellner“, sagte die Filmemacherin. Sie sieht darin einen hoffnungsvollen Versuch einer sozialen Verwurzelung mit Ausbildungsabschluss, Arbeitsvertrag und Aufenthaltsgenehmigung und damit letztendlich den erfolgreichen Versuch, der Illegalität zu entkommen.

„Tief berührt“ sei übrigens seine Familie gewesen, nachdem sie den Film gesehen hatte, so die Regisseurin. Der Film lief sogar auf einem Film-Festival in Kameruns Hauptstadt Yaoundé, worauf die Familie „sehr stolz“ gewesen sei.

Zuletzt aktualisiert: 12. April 2019
A-1-g1_3.jpg

Bild: Yasa Kharaman (l.), türkischer Liedersänger, dolmetschte für den Journalisten und Karikaturisten Ilhami Erdogan (Mitte). Sie sprachen gegenüber Moderatorin Barbara Köster und den Besuchern*innen die Hoffnung vieler Kurden auf Frieden aus. So werde etwa das autonome Gebiet ROJAVA jetzt nach der Befreiung von ISIS von den türkischen Truppen bedroht, die keine kurdische Selbstverwaltung dulden wollen.

„Die Legende vom hässlichen König“ ist die Abschlussarbeit von Regisseur Hüseyin Tabak an der Filmakademie Wien. Darin versucht er, den Schauspieler und späteren Drehbuchautor und Regisseur Yilmaz Güney zu portraitieren. Dieser hatte 1982, zwei Jahre vor seinem Tod, als absoluter Nobody innerhalb der Filmszene mit seinem Film „Yol – Der Weg“ überraschend die Goldene Palme der Filmfestspiele von Cannes gewonnen. Tabaks Abschlussarbeit lief am 19. März 2019 im naxos.Kino.

Güney war ein revolutionärer Filmemacher gewesen, der die Sprache der Unterdrückten verstanden und filmerisch umgesetzt hat und dafür viele Jahre im Gefängnis verbringen musste. Das Urteil wegen Totschlags sollte einen unbequemen Filmemacher mundtot machen, der sich für den Sozialismus und die Rechte der Kurden in der Türkei engagierte.

Man hat ihn in der Türkei den „hässlichen König“ genannt, da er bereits in seinen Hau-drauf-Filmen der 1950er- und -60er Jahre gegen das damals in türkischen Filmen übliche Schönheitsideal der männlichen Stars verstieß. Geprägt war er durch sein Aufwachsen in einer kosmopolitischen Stadt, was seine späteren Filme widerspiegelten. Darin richtet er sich gegen die Türkei als einen permanent militärischen Staat, in dem „alle zehn Jahre ein Militärputsch“ stattfand.

Die Atmosphäre innerhalb der Türkei sei durch Spitzelei, Geheimdienst und Verfolgung gekennzeichnet gewesen, so Ilhami Erdogan. Dennoch sei es Güney gelungen, erfolgreiche Filme „gegen das Regime“ zu drehen. Ob allerdings ein Güney-Film gezeigt werden durfte, hing vom jeweiligen Gouverneur einer Region ab: „Ein Polizeichef kann jederzeit einen Güney-Film verbieten“, sagte der Journalist. Die Gewalt in seinen Filmen reflektiere aber auch die persönliche Gewalt des realen „hässlichen Königs“.

Als Held der kurdischen Gesellschaft zeige er in seinen Filmen Missstände und Menschen, die darin leben müssen, auf und mache somit „das Unsichtbare sichtbar“, so Barbara Köster. Im wirklichen Leben schlägt er privat Frauen, besäuft sich, frönt dem Glücksspiel und lebt die konventionelle Macho-Pose aus, so dass sich seine erste Ehefrau bereits nach zwei Jahren von ihm scheiden ließ. Revolutionär aktiv wurde er nach Angaben seiner zweiten Ehefrau erst in dieser Ehe, die bis zu seinem Tod hielt.

Noch heute werde in der Türkei Gewalt gegen Frauen immer noch mit mehr als 60 Prozent nicht bestraft, meinte Erdogan und beklagte, dass es noch keine Gesetzte dagegen gibt. Inzwischen hätten die Kurden jedoch verstanden, dass sie sich nur mit Hilfe einer starken Rolle der Frauen von Unterdrückungen befreien könnten. Dazu gehöre vor allem Bildung. Deshalb habe die Regierung auch den Analphabetismus unter den Kurden – insbesondere der Frauen – gefördert. Demgegenüber seien heutzutage jedoch schon zahlreiche Selbstverwaltungen entweder von Frauen oder in einer Doppelbesetzung von einer Frau und einem Mann geführt.

Vor und nach dem Filmgespräch spielte und sang Yasa Kharaman jeweils zwei kurdische Lieder, deren Inhalt vermutlich in Richtung kurdischer Unabhängigkeit zielte.

Zuletzt aktualisiert: 22. März 2019