Aktuelles

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Bild: Als Kenner des Themas leitete naxos-Moderator Wolfgang Voss professionell die Diskussion mit Claudia von Alemann (l.) und Carola Benninghoven sowie den Besuchern.  

„Die Fotografien von Abisag Tüllmann (1935 – 1996) haben sich tief in unser kulturelles Gedächtnis eingebrannt“, schreibt die nach ihr benannte Stiftung auf ihrer Homepage. Ein lang erwarteter Dokumentarfilm über Leben und Werk der Fotografin von ihrer langjährigen Freundin Claudia von Alemann erinnerte am 7. August 2018 im naxos.Kino an sie: „Die Frau mit der Kamera – Portrait der Fotografin Abisag Tüllmann“. 

Eine Ausstellung Tüllmann ´scher Fotos im Historischen Museum Frankfurt habe zu der Entscheidung geführt, den Film zu drehen, so von Alemann. Die bpk-Bildagentur für Kunst, Kultur und Geschichte der Stiftung Preußischer Kulturbesitz habe ihr alle Fotorechte für den Film freigegeben, um das Werk der Fotografin zu ehren, betonte die Filmemacherin. Sämtliche Versuche, die Öffentlich-Rechtlichen Medien als Sponsor zu gewinnen, seien hingegen gescheitert, da die Fotografin dort nicht bekannt war. „Dabei war Abisag nicht nur eine der wichtigsten Portraitistinnen bundesdeutscher Wirklichkeit, sondern  begleitete als Bildjournalistin und Theaterfotografin auch eine politische und kulturelle Ära“, sagte von Alemann, die 30 Jahre lang mit der Fotografin befreundet war. 

Carola Benninghoven, ehemalige Filmemacherin, Journalistin und Mitbegründerin des naxos.Kinos, hat 1995/96 für die Reihe 'Nachtlichter' kurze Portraits wichtiger Frankfurter Fotografinnen aus den unterschiedlichsten Bereichen der Fotografie gedreht;  dazu gehörte selbstverständlich auch Abisag Tüllmann, die sie bis dahin allerdings persönlich nicht kannte. Die Annäherung an Tüllmann während der Recherchen beschreibt sie als eher schwierig. So habe Tüllmann auf sie  "den Eindruck einer eher sperrigen Person gemacht, ablehnend und skeptisch". In den Interviews denke Tüllmann lange nach, spreche langsam und wäge die Worte sehr genau ab. Das sei mit vielen Pausen verbunden und auch im Original so gefilmt. „Erst nach Abisag Tüllmanns Tod wurde mir bewusst, dass ich die Einzige war, die einen Film über sie gedreht hatte", sagte Benninghoven. 

„Fotografieren heißt teilnehmen“, war einer der Leitsätze von Abisag Tüllmann. Ihr ruhiger Blick auf alltägliche Situationen mit Menschen im realen Leben oder auf der Bühne des Theaters ermöglichte ihr Fotos, die die Essenz eines Augenblicks aufscheinen lassen. Ihre bildjournalistischen Arbeiten beschrieb sie selbst als Sozialreportagen. Das damalige Aufkommen von Farbfilmen stellte jedoch ihre s-w-Projekte sehr in Frage: Tüllmann hatte den Eindruck, dass Fotografien inzwischen doch sehr geglättet, zu sehr auf Mainstream getrimmt seien. "Das war ein deutlicher Bruch mit der alten schwarz-weiß Ästhetik und Abisag fürchtete, dass sie mit ihrer Arbeitsweise und ihrem Blick keine mediale Zukunft haben würde", betonte Benninghoven. Darüber, dass sie durchaus viele, nämlich mehr als 30 Tausend Farbfotos in ihrem Archiv hatte, sprach sie selten. Sie waren ihr nicht wichtig. 

Von Alemann und Benninghoven gingen dann noch auf eine Sequenz im Film ein. Sie zeigt Abisag Tüllmann mit einer Kamera am Steuer ihres Pkw. Während der Fahrt fotografiert sie gegen ihren Rück- und Seitenspiegel. Benninghoven filmte dabei vom Rücksitz aus. „Die dabei entstandenen Fotos sind sehr gelungen, sie waren für ihr Projekt 'Spiegelungen' gedacht." 

 Abisag Tüllmanns fotografisches Archiv befindet sich seit ihrem Tod 1996 im Bildarchiv der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Berlin (bpk) und im Deutschen Theatermuseum in München. Ihr Werk in Erinnerung zu erhalten ist erklärtes Ziel der 2008 von Freunden der Fotografin in Frankfurt am Main gegründeten Abisag Tüllmann Stiftung.

Zuletzt aktualisiert: 11. August 2018
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Bild: Regisseur Hans Block (r.) und Axel Stolzenwald vom Chaos Computer Club, Frankfurt (l.) vermittelten den Gästen gemeinsam mit naxos-Moderator Gerd Becker (Mitte)  tiefere Einblicke in die Schattenseiten der unbegrenzten Möglichkeiten des Internets. 

 

In Manila, einer der sog. Cleaners-Zentralen, müssen Menschen Bilder und Videos sehen, die die User im Netz nicht sehen sollten: Pornografie, Vergewaltigungen, Terrorakte und dergleichen mehr – Inhalte, die die Richtlinien des Netzes verletzen. Sie müssen kurzfristig entscheiden: löschen oder freigeben. In vielen Fällen sind diese Arbeiter überfordert und danach für den Rest ihres Lebens traumatisiert. Das naxos.Kino zeigte am 31. Juli 2018 den Dokumentarfilm „The Cleaners“ von Hans Block und Moritz Riesewieck. Regisseur Block, der zum Filmgespräch von Berlin nach Frankfurt/ Main angereist war, wurde 2013 auf einen gefilmten Kindesmissbrauch aufmerksam gemacht. Daraus entstand die Idee zum Film. Zunächst hatte sein Team versucht, diejenigen Firmen zu recherchieren, die diese Bilder einstellen. Seine Anfragen blieben jedoch ohne Reaktion. 

In Manila hatte das Drehteam schließlich eine Büroetage gefunden, die gerade umgebaut wurde. „Dort konnten wir nur des nachts mit den Protagonisten geschützt filmen, ein großes Glück“, sagte Block. Bei den Cleaners handele es sich ausschließlich um junge Menschen zwischen 18 und 20 Jahren, die nach der Schule ihren ersten Job angenommen hatten, mit der Begründung: „Ein Job im Büro ist ein sauberer Job. Das ist besser als sich als Müllsammler durchzuschlagen“. Erst über einen länger währenden Vertrauensaufbau sei das Drehteam den dortigen Cleaners nähergekommen. „Sie waren zum Teil stolz auf ihre Arbeit, denn mit ihrer Entscheidung, ein Bild zu löschen, hatten sie das Gefühl, das Netz frei von Brutalitäten zu halten“, berichtete Block. Noch vor Job-Beginn müssten sie Verschwiegenheitsverträge unterschreiben. Dann würden sie nur kurz „gecheckt“, erhielten ein paar Stichworte und Anweisungen und kämen dann aus dem Job nicht mehr heraus, weil sie mit dem Geld ihre Familien unterstützten.  

Bei strittigen Themen sei die „clickrate“ entscheidend, sagte Axel Stolzenwald  vom Chaos Computer Club, Frankfurt. Deshalb seien „anstößige Sachen“ mit hohen clickrates immer interessant für z.B. Goggle und Facebook. „Die argumentieren dann, sie seien keine Richter über verbreitete Infos, verschweigen aber, dass die clicks ihnen immer großen traffic bescheren“, so Stolzenwald weiter. Von den in Deutschland arbeitenden rund 1800 Cleaners bildeten Flüchtlinge den Großteil. „Qualifizierte Arbeitnehmer gibt es in diesem Bereich nicht“, betonte er. Hier erkennten Algorithmen störende Bilder, die sie nach Manila sendeten. Facebook etwa wolle nach eigenen Angaben keinen politischen Einfluss über Bilder im Netz nehmen, erstrebe aber andererseits Profit durch Content. So könnten z.B. Bilder über ein autokrates Türkei-System die Türkei dazu veranlassen, ihr Netz abzuschalten und damit Markt und Kapital zu sperren. Dies sei insofern schwierig, als ein Cleaner pro Tag eine vorgegebene Anzahl an Bildern löschen müsse, ohne den jeweiligen Kommentar dazu zu hören.  

„Die im Film gezeigten Cleaners arbeiten dort heute nicht mehr“, erklärte Block, „dem enormen Druck waren sie auf Dauer nicht gewachsen und arbeiten heute häufig in Call Centern“. Der Druck komme u.a. dadurch zustande, dass Google und Facebook nur „saubere Bilder“ lieferten, die jedoch der Realität nicht entsprächen. So würden von 100 Babybildern 90 mit weißen Babies veröffentlicht. Auch sei die Verständlichkeit von Texten aufgrund der problematischen Google-Übersetzungsmaschine wenig gesichert. Dazu Block: „Wir haben wegen dieser Schwierigkeiten auch mit Psychologen gesprochen. Sie bedauerten, dass sie keinerlei Einfluss auf die Cleaners nehmen konnten“. 

Zuletzt aktualisiert: 03. August 2018
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Foto: Die Gruppe Re- Encuentro spielt lateinamerikanische Lieder vor dem Filmbeginn

Beim Filmgespräch, das aufgrund der sommerlichen Temperaturen vor der Naxoshalle stattfindet, sind die Mitglieder der Muikgruppe Re- Encuentro mit dabei, die vor dem Film einige lateinamerikanische Lieder gespielt hatten. Außerdem ist Glenda Rojas Muehler zu Gast, die seit vielen Jahren in Frankfurt lebt und sich öffentlichkeitswirksam für die Einhaltung der Menschenrechte in Chile und weltweit engagiert.Sie alle haben den Militärputsch am 11. September 1973 in Chile erlebt und sind später nach Deutschland emigriert, weil die Lebensbedingungen und Verfolgungen unter dem Pinochet Regime unerträglich waren.

Moncho - damals 24 Jahre - war am Tag des Putsches in der Nähe des Präsidentenpalastes La Moneda in Santiago de Chile. Er wollte mit Freunden zum Palast, um Allende zu unterstützen, aber auf den Straßen davor stießen sie schon auf durch die Putschisten erschossene Menschen. Glenda Rojas Muehler wurde als aktive Gewerkschaftlerin nach dem Putsch in das Stadion Estadio Nacional verschleppt, das wie ein KZ eingerichtet wurde und in dem bis zu 40.000 Gefangene waren.

Moncho berichtete, dass mit der demokratischen Wahl in Chile, bei der mit Allende erstmals ein sozialistischer Präsident gewählt wurde, große Hoffnungen verbunden waren. Für ihn war am wichtigsten, dass alle Menschen, arm oder nicht, gleichbehandelt werden sollten und dass Bildung und Gesundheitsversorgung für alle ermöglicht wird. Die (Kupfer-) Industrie sollte verstaatlicht werden und Allende hatte auch konkrete Maßnahmen vorgesehen, wie z.B. kostenlose Milch für alle Kinder. Dies alles wurde mit dem Putsch zu Nichte gemacht, stattdessen ein Klima von Angst und Verfolgung für alle, die die Putschisten nicht bejubelten. Pavin Eichin, der gerade an seiner Promotion an der Goethe Universität arbeitet, berichtet, dass es keine genauen Zahlen gibt, aber dass viele Chilenen nach dem Putsch das Land verlassen haben oder verlassen mussten. Es gibt Schätzungen, dass es 10% der Bevölkerung gewesen sein könnten. Es gab eine Vielzahl von Aufnahmeländern in Südamerika, aber auch die USA und viele Länder in Europa, wobei besonders viele Chilenen von Schweden aufgenommen wurden.

 

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Die Gesprächs- Runde vor der Naxoshalle; unsere 4 chilenischen Gäste sitzen zwischen den Fenstern, links davon naxos.Kino Moderatorin Hilde Richter.

 

Allendes Vision und sein politisches Programm galt Chile und er war -anders als andere Linke - gegen eine Volksbewaffnung, weil er keinesfalls einen Bürgerkrieg begünstigen wollte. Dies alles sind Hintergründe, die im Film Mein Großvater Allende selbst nur im indirekt vorkommen, aber wichtig zum Verständnis sind. Im Mittelpunkt steht der Poliiker Allende in seinem familiären Umfeld und der Versuch seiner Enkelin, den Menschen Allende durch Gespräche mit Familienangehörigen kennen zu lernen. Dabei wird deutlich, dass sich die Familie schwertut, ihr dazu Auskunft zu geben.

Die Frage aus dem Publikum an die chilenischen Gesprächsgäste lautet, ob sie diese Vermeidung von Gesprächen über die familiäre Vergangenheit auch erlebt haben. Dies wird durchweg bejaht und berichtet, dass einiges aus der Vergangenheit als Tabu behandelt wird. Pavin Eichin antwortet zur Frage, wie Allende heute in Chile beurteilt wird, dass auch heute noch von nationalistischen Kräften versucht wird, die damaligen Ereignisse im Nachhinein umzudeuten. So werden Allende und Anhänger als Terroristen bezeichnet. Die vielen Opfer des Putsches haben keine oder nur eine geringe Entschädigung erhalten und viele der Täter, die grausame Taten begangen haben, wurden nicht bestraft. Die fehlende Aufarbeitung und die heute noch in weiten Teilen vorhandene politische Unfreiheit, verbunden mit den traumatischen Erinnerungen an den Putsch führen bei vielen emigrierten Chilenen dazu, dass sie nicht mehr nach Chile zurück wollen.

Wir - die Aktivisten des naxos.Kino - bedanken uns bei den Mitgliedern von Re-Encuentro für die musikalischen Beiträge vor dem Film und bei allen chilenischen Gästen für die eindrucksvolle und offene Diskussion zum Abschluss an diesem schönem Sommerabend.

Zuletzt aktualisiert: 31. Juli 2018
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Foto: Wolf Lindner und Beate Niemann im Gespräch.

Der gute Vater – eine Tochter klagt an (D 2003) begleitet Beate Niemann über den Verlauf eines Jahres bei der Recherche zu ihrem Vater und ehemaligen Gestapochef Bruno Sattler. Sattler saß nach Ende des 2. Weltkrieges bis zu seinem Tod 1972 in der DDR in Haft und galt in der BRD jahrelang als Opfer eines Unrechtsurteils. Als Beate Niemann nach dem Mauerfall versucht, ihren Vater zu rehabilitieren, erfährt sie erstmals von den Verbrechen, für die ihr Vater verantwortlich war. Als Chef der Gestapo in Belgrad (1942–1944) organisierte der ehemalige Berliner Kriminalkommissar die Verschleppung von Zivilisten zur Zwangsarbeit sowie die Ermordung tausender Juden. In Berlin hielten Niemanns Mutter und seine ehemaligen Kollegen hingegen die Erinnerung an Sattler in Ehren.

Im Gespräch berichtet Beate Niemann von einer verschwörerischen Verbundenheit des väterlichen Umfelds nach dem Kriegsende, in dem sich alle gegenseitig gedeckt hätten. So ließ die Mutter ihre Töchter bei Besuchen in der Haftanstalt handgeschriebene Seiten mit Grüßen von Bekannten verlesen, deren Namen sich später als Decknamen herausstellten. Von der jüdischen Vorbesitzerin ihres Hauses erzählte die Mutter ihren Töchtern, sie habe sie sicher ins Schweizer Exil begleitet; eine Notiz an den Vater zeugt hingegen von ihrer Deportation von Berlin-Grunewald nach Auschwitz.Die Zusammenarbeit mit dem Dokumentarfilmer Yoash Tatari, so Niemann, entstand nach dem Erscheinen eines kontroversen Artikels, der im Dezember 2000 im Tagesspiegel über ihre Familiengeschichte erschienen war. Angebote von Dokumentarfilmern folgten, unter denen sich auch eine Nachricht von Tatari befand, der eine Liste mit Filmen beigelegt hatte, die er in den vorangegangenen Jahren für den WDR produziert hatte (u. a. Glückselig in New York, 1996 und Ende eines amerikanischen Traums: Attentat auf Robert F. Kennedy, 2000). Sie sei fasziniert gewesen, dass solche Filme in Deutschland gemacht würden und gestattete Tatari, nach weiteren zwei Monaten, sie über die Dauer von einem Jahr zu begleiten. Besonders diskutiert – auch am Abend in der Naxos-Halle – ist Niemanns Satz, mit dem der Film endet: „Ich will diese Verbrechereltern nicht haben.“ Wenngleich sie nichts an ihrer Abstammung ändern könne, so wolle sie zumindest wissen, was ihre Eltern zu verantworten hätten. Es ist diese Forderung nach Aufklärung und Geschichtsbewusstsein, die hinter den historischen Verbrechen reale Täter sichtbar macht und an die Leben und die Geschichten derer erinnert, die diesem Unrecht zum Opfer gefallen sind.Tataris Film wurde 2004 mit der Goldmedaille für den besten Dokumentarfilm und mit dem Grand Award des New York Film Festivals ausgezeichnet. Beate Niemann hat die Biographie ihres Vaters zudem als Buch veröffentlicht (Mein guter Vater: Leben mit seiner Vergangenheit, 3. überarbeitete Auflage 2008) und besucht seit 2001 regelmäßig Schulklassen. Für August dieses Jahres plant sie eine Reise nach Albanien, um die letzte offene Station im Leben ihres Vaters zu rekonstruieren

Zuletzt aktualisiert: 24. Juli 2018
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Auf dem Foto:

naxos.Kino Moderator Wolf Lindner und Doktorandin Annelies Augustyns. Sie promoviert an der Universität Antwerpen mit dem Forschungsprojekt Städtische Erfahrung im "Dritten Reich": eine topopoetische Analyse deutsch-jüdischer autobiographischer Literatur aus Breslau. Sie untersucht dabei, wie die Stadt literarisch dargestellt wird, welche Orte wichtig werden und welche Strategien die jüdischen Opfer benutzen. Die wichtigste Quelle ihres Korpus sind die Tagebücher von Willy Cohn, die auch im Film Ein Jude, der Deutschland liebte (2008), zentral stehen.

Der eindrucksvolle Film der Filmemacherin Petra Lidschreiber wurde beim Filmgespräch im naxos.Kino von BesucherInnen sehr gelobt. Er gibt einen unmittelbaren Eindruck der Persönlichkeit von Willy Cohn und zeigt wie ihn seine Kinder und Enkel beim Besuch seiner Heimatstadt Breslau sehen und würdigen. Breslau, heute das polnische Wrocław, hatte in den 1930er Jahren die 3. größte jüdische Gemeinde nach Berlin und Frankfurt.Die als Gast beim Filmgespräch teilnehmende Literaturwissenschaftlerin Annelies Augustyns kennzeichnet ihn vor allem mit seiner Identität als Deutscher und Jude. Seine Verbundenheit mit Deutschland und deutscher Literatur und Kultur erschwerte seine Auswanderung: „Kann man mich noch verpflanzen außer nach Erez Israel?“ (3. Dezember 1938, S. 560). Auch von einem 4-wöchigen Besuch 1937 in Palästina bei seinen bereits dorthin emigrierten Kindern kommt er zurück nach Breslau. Allerdings war es ihm auch nicht gelungen, dort eine Arbeit zu finden oder eine Aufnahme in einen Kibbuz zu bekommen. Seine Ehefrau wollte auch nicht in Palästina bleiben, weil sie sich nicht glücklich fühlte und das Klima nicht ertragen konnte. Obwohl er sich am Ende unter der immer bedrohlicheren Lage um seine Alijah bemüht, gelingt es ihm nicht.So geschah es, dass die Familie – Willy Cohn, Ehefrau Gertrud und die Töchter Susanne und Tamara - am 21. November 1941 festgenommen, nach Kaunas in das besetzte Litauen deportiert und am 29. November zusammen mit 2000 Juden aus Breslau und Wien erschossen wurden.Einigen Besuchern lief es schwer, Cohns Äußerungen, wie sie im Film wiedergegeben werden nachzuvollziehen. „Daß das deutsche Volk Lebensraum braucht, kann man verstehen, und wenn man ihm diesen Lebensraum gewährt hätte, so wäre es niemals zu dieser Judengegnerschaft in Deutschland gekommen.“ (31. Januar 1939, S. 597) Ein möglicher Erklärungsversuch für diese Auffassung sieht Frau Augustyns darin, dass für ihn als bekennender Zionist die Schaffung eines eigenen Staates Israel für alle Juden im Mittelpunkt steht und er Parallelen zum Nationalismus des Deutschen Reiches sieht.Seine ganze Aufmerksamkeit galt in den letzten Jahren in Breslau seinen Tagebüchern und seinen wissenschaftlichen Arbeiten. Fast täglich ging er in die Katholische Diözesanbibliothek (die universitären und öffentlichen Bibliotheken durfte er nicht mehr betreten), um dort sein geistiges Werk fortzusetzen.Frau Augustyns berichtet, dass seine Tagebücher, die er auch als sein geistiges Kind bezeichnete, über Else und Paul Zeitz, Verwandte von seiner ersten Ehefrau, nach London verbracht werden konnten und von dort an seinen Söhnen nach Israel kamen.Cohns Tagebücher sind heute in den Central Archives for the History of the Jewish People (CAHJP) in Jerusalem archiviert und wurden als Zeitzeugnis jüdischer Geschichte im Dezember 2006 erstmals veröffentlicht. Cohn gilt neben Victor Klemperer als einer der wichtigsten Chronisten der Verbrechen der Nationalsozialisten an der jüdischen Bevölkerung vor allem aber auch des jüdischen Alltags in Deutschland nach 1933 unter den Bedingungen schrittweise zunehmender wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Unterdrückung.Die im Film gezeigten Ansichten der Breslauer Altstadt erinnern einige Besucher an die Frankfurter Altstadt. Frau Augustyns weist darauf hin, dass diese Häuser in Breslau nahezu alle nach dem Krieg wiederaufgebaut wurden, da die Altstadt zu ca. 70% zerstört worden war.Wenn am Ende des Filmes ein Gruppenbild der vier-Generationen-Familie gezeigt wird, sind die Zuschauer gerührt:  wenn Cohn in seinen Tagebüchern schreibt, dass es sein Wunsch war, dass seine Kinder seinen Namen fortsetzen, so haben sie diesen wahrgemacht.

Bericht/ Foto: Gerd Becker, naxos.Kino

Zuletzt aktualisiert: 12. Juli 2018
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Bild: Naxos-Moderator Wolf Lindner (l.) mit seinen Gesprächspartnern Jane Kranz, seit kurzem Leiterin der IBMS-Privatschule Frankfurt, und Rudi Pfeifer, Geschäftsführer BanaFair e.V., Gelnhausen.

Verbraucher können bei Biobananen davon ausgehen, dass die Früchte nicht mit Pestiziden behandelt sind. Denn in der der Nahrungsmittelproduktion gibt es keinen Bereich, der besser und strenger kontrolliert wird als der Bio-Sektor. Erschwerend wirkt sich jedoch ein enormer Wasser- und Plastikverbrauch in der Produktionskette aus. Und obendrein macht eine EU-Norm keine Unterschiede zwischen Bio- und konventionellen Bananen. Um vor allem in Europa und den USA makellose Bananen dennoch zu Spottpreisen kaufen zu können, zahlen die Menschen in den Anbauländern einen hohen Preis auf Kosten ihrer Gesundheit. Das belegten am 3. Juli 2018 im naxos.Kino die beiden Dokumentationen „Der Preis der Bananen“ und „Über Bananen und Republiken“. Im anschließenden Filmgespräch diskutierte naxos-Moderator Wolf Lindner mit Jane Kranz, Fachfrau für Wirtschaft in der Dritten Welt, BanaFair-Geschäftsführer Rudi Pfeifer und den Besuchern über die Auswirkungen des konventionellen Bananenanbaus für Mensch und Natur.  

„Es dauert etwa fünf Jahre, bis die gesamten Schadstoffe aus dem Boden abgebaut sind, um ein Produkt `Bio` zu nennen. Kleinere Bauern können sich das nicht leisten“, kritisierte Kranz. Auch beklagte sie den hohen Wasserverbrauch, also den Missstand, dass etwa in Kenia ganze Bereiche gesperrt werden, um zum Beispiel Rosen oder Kaffee zu spülen. „Nicht einmal die Bewohner dürfen dort ihre Tiere tränken.“ Bananenplantagen lägen immer in Meeres- oder Flussnähe, ergänzte Pfeifer. „Das abfließende Wasser trägt die Pestizide fort und verfärbt sich: Tote Fische treiben auf dem Rücken“. Er betonte, dass im Bio-Anbau keine Agrargifte eingesetzt würden, räumte aber den Einsatz größerer Mengen in der konventionellen Nahrungsmittelproduktion ein: „Das ist doch im Grunde das Fatale an der Geschichte, dass auch die sauberste Bio-Produktion durch benachbarte konventionelle Produktion in Mitleidenschaft gezogen werden kann, etwa durch Abdrift vom Nachbarbauern oder Kontaktkontamination“. 

Anhand einer teuren Stichprobe mit Messergebnissen nahe der Pestizid-Grenzwerte für Biobananen hatte BanaFair vor sechs Jahren erfahren, was Einkaufsmacht ausmacht. Bei der Recherche hatte sich herausgestellt, dass der Lieferant das Verpackungsmaterial wahllos neben pestizidbehandelten Säcken gelagert hatte. Zuvor hatte der eingetragene Verein für eine kurze Zeitspanne einen Vertrag über die Lieferung von Biobananen für eine große Lebensmittelkette abgeschlossen. „Obwohl wir belegen konnten, dass unser Unterlieferant dafür verantwortlich war, sind wir sofort aus dem Vertrag herausgeflogen“, sagte Pfeifer. 

Laut EU-Norm ist eine Banane mit „einer Länge von mindestens 14 Zentimeter und einer Dicke von mindestens 27 Millimeter“ definiert. D I E Banane schlechthin gebe es nicht, meinten viele Besucher. Es gebe viele Bananen unterschiedlicher Größe mit unterschiedlichem Geschmack. „Bananen schmecken immer“, meinte Kranz, „egal ob schwarz oder braun, wir haben sie immer selbst verarbeitet“. Für die „Sklavenarbeit“ auf den Plantagen machte sie die lokale Politik und die Politik bei den Konsumenten verantwortlich. Nicht nur in Mittelamerika, Hauptanbaugebiet für Bananen, auch in Afrika existiere Sklavenarbeit. Große Konzerne könnten dort nach Gusto schalten und walten: „Das ist modern slavery“. „Für zehn bis zwölf Stunden Schufterei erhalten die Menschen ein Minimum an Lohn“, stimmte Pfeifer zu. Arbeiter in den Plantagen bekämen rund 50 Dollar die Woche, bräuchten jedoch 400, um leben zu können und die Schule für die Kinder zu bezahlen: „Das ist Ausbeutung“. Biobananen zu fairen Preisen zu verkaufen, ist Pfeifer zufolge die Aufgabe von BanaFair. „Eine Kiste Bananen für sechs Dollar und dann bei uns ein Kilo Bananen für 99 Cent – das ist nicht möglich“. Daraufhin fragte Kranz: „Warum geht es uns hier so gut?“ und lieferte selbst die Antwort: „Weil es den Bauern dort schlecht geht“.

Zuletzt aktualisiert: 06. Juli 2018
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 Bild: Regisseurin Barbara Trottnow im Gespräch mit naxos-Moderator Wilfried Volkmann. 

 

Eduard Zuckmayer (1890 – 1972) emigriert 1936 in die Türkei, weil die Nazis ihm Berufsverbot erteilen. Auf Wunsch von Atatürk baut er an der Gazi Universität in Ankara die Musikausbildung auf. Er bleibt bis zu seinem Tod und ist noch heute in der Türkei ein geschätzter Mann. Im Exil verlagert er seine Karriere als Pianist auf die Musikpädagogik. Damit weckt er in der Türkei das Interesse an klassischer westlicher Musik, legt aber auch Wert darauf, Musik allen Teilen der Bevölkerung zugänglich zu machen. So übersetzt er deutsche Volkslieder ins Türkische und arrangiert türkische Stücke mehrstimmig. Noch heute leben in Ankara ehemalige Studenten von ihm, die erzählen, wie er sie gefördert hat. Seine Tochter Michele berichtet von ihrer Kindheit in Ankara und Edzard Reuter, ehemaliger Mercedes-Chef, der mit seiner Familie bis 1946 in Ankara im Exil lebt, schildert seine Erinnerungen an Zuckmayer. Fühlt sich „Zuck“, so sein Spitzname, nach seiner Emigration in die Türkei als Türke? Der Film sucht nach Spuren, die er dort hinterlassen hat. Am 26.6.2018 stellte die Dokumentation „Eduard Zuckmayer – Ein Musiker in der Türkei“ die Frage, wie gut der deutsche Musiker in der Türkei integriert war. Zum Filmgespräch begrüßte naxos-Moderator Wilfried Volkmann die Filmemacherin und Regisseurin Barbara Trottnow. 

„Migration und die Türkei bilden mein Hauptthema“, sagte Trottnow. Die Produktion über Zuckmayer sei von der Stiftung Rheinland-Pfalz für Kultur und der Filmförderung Baden-Württemberg gefördert worden. Der Dokumentarfilm sei eine Bereicherung in doppelter Hinsicht. Er bringe das Lebenswerk des bei uns im Vergleich zu seinem Bruder Carl eher wenig beachteten Eduard Zuckmayers näher und beleuchte gleichzeitig ein Thema, das aktueller kaum sein könne: Emigration und Integration.  

„Ich wollte kein klassisches Portrait machen, sondern nachschauen, ob Eduard Zuckmayer in der Türkei Spuren hinterlassen hat und fragen, ob er sich dort integrieren konnte“, so die studierte Diplom-Sozialwirtin. Obwohl das meiste archivierte Material über „Zuck“ in Deutschland lagere, sei sein Arbeitszimmer mit Bundesverdienstkreuz, Büchern und Fotos in Ankara erhalten geblieben. „Seine  persönlichen Papiere sind jedoch größtenteils verloren.“ Ob denn die westliche Klassik durch Zuckmayer die türkische Musik dominiert habe, fragte Volkmann nach. Trottnow zufolge habe er für eine Öffnung gesorgt und sei eine Bereicherung für die türkische Musik gewesen: „Er hat den Horizont der Musik in der Türkei erweitert“. 

Während ihrer Recherche habe Trottnow auch nach dem Grab Zuckmayers gefragt. Dabei habe sie erfahren, dass der Grabstein Ende der 70er Jahre von Nationalisten zerstört wurde. Nach Drehende hätten aber ehemalige Studenten einen neuen Grabstein aufgestellt. „Darin drückt sich die nach wie vor große Hochachtung vor Zuckmayer in der Türkei aus." Vor allem in der „modernen“ Türkei sei er weiterhin hoch geschätzt. Die aktuelle politische Situation habe jedoch dazu geführt, dass zahlreiche türkische Intellektuelle und Künstler zunehmend ihr Land verlassen, weil sie keine Gelegenheit sähen, in der Türkei zu arbeiten. „Ich fürchte, viele weitere werden die Flucht antreten“, sagte Trottnow. Vor allem diese Menschen bräuchten unsere Unterstützung durch Arbeitsmöglichkeiten, Visa und Stipendien. „Wir müssen die nach Westen orientierten Menschen in der Türkei unterstützen und die, die nach Deutschland kommen, müssen das Gefühl bekommen, hier unterstützt zu werden.“    

Zuletzt aktualisiert: 30. Juni 2018
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Bild: V.l.n.r.: naxos-Moderator Wolf Lindner, Nassir Formuli, einer der Schauspieler im Dokumentarfilm, Regisseurin Ronja von Wurmb-Seibel, Leena Alam, eine der populärsten Theater- und Filmschauspielerin Afghanistans, die ebenfalls in der Dokumentation eine entscheidende Rolle spielt, Niklas Schenk, beruflicher und privater Partner der Regisseurin, und Bernd Mesovic, Pressesprecher und Leiter der Abteilung Rechtspolitik bei Pro Asyl, Frankfurt. 

 

Während der Premiere eines Theaterstücks über Selbstmordanschläge in Kabul sprengt sich dort ein 17-jähriger Junge, der im Publikum sitzt, in die Luft. Die Zuschauer klatschen und jubeln, weil sie die Explosion für eine besonders realistische Showeinlage halten. Erst als sie die Verwundeten sehen, verstehen sie, was passiert ist. Das naxos-Kino zeigte am 19. Juni 2018 den Dokumentarfilm „True Warriors“. Es ist die Geschichte der Schauspieler und Musiker, die an diesem Tag auf der Bühne standen. Sie wollten mit ihrem Stück über Selbstmordanschläge ein Zeichen setzen gegen den Terror, der die Gesellschaft zerfrisst. 

Die beiden Schauspieler Leena Alam und Nassir Formuli haben an diesem Abend nur begrenzt Zeit. Deshalb stehen sie zunächst im Mittelpunkt des Filmgesprächs. Die Arbeit am Film habe sie von dem Schock des Attentats-Abends befreit, so Leena Alam. Eine therapeutische Betreuung habe sie nicht gehabt. „True Warriors“ zeigt u.a. das Nachspielen der Verbrennung einer jungen Frau auf offener Straße, die fälschlicherweise angeklagt war, den Koran verbrannt zu haben. Es sei schwierig gewesen, dazu Schauspieler zu finden, die bereit waren, bei der „Verbrennung“ mitzuspielen. Auch habe die Polizei anfangs das Spiel verboten. Das geschah dann in Eigeninitiative mit Erlaubnis des Grundstücksbesitzers. Daraufhin habe sie hunderte Hass-Nachrichten erhalten. Diese Vergangenheit versuche sie seit einiger Zeit, an deutschen Theatern zu verarbeiten. Sie spielt demnächst in Bad Hersfeld gemeinsam mit ihrem Kollegen Nassir Formuli im Stück „Peer Gynt“. Formuli hat inzwischen nach zwei Jahren sein Diplom an der Ernst Busch-Akademie in Berlin absolviert und tritt an der Puppenspieler-Schule und am Theater auf. „Wir wollen den Radikalen unser Land nicht überlassen“, sagte Alam, denn jede Woche komme es zu neuen Attentaten. „Ich gehe zuhause nicht mehr allein aus dem Haus, und wenn doch, dann nur in Burka, um nicht erkannt zu werden,“ sagte die Schauspielerin. Nassir Formuli hingegen glaubt nicht, wieder nach Kabul zurückzukehren: „Ich habe null Hoffnung auf Frieden“. 

Regisseurin Ronja von Wurmb-Seibel ist über einen Bundeswehr-Report nach Afghanistan gekommen und gemeinsam mit ihrem Partner Nikals Schenk nach Kabul gezogen. Die dortige Alltagsbrutalität habe den Ausschlag für den Film gegeben. „Wir wollten über Bilder rüberkommen, die wie eine persönliche Begegnung erzählen“, sagte Schenk. Der Film zeige ausschließlich „echte Bilder, vom öffentlichen Theaterstück, vom Attentat, von iphone-Filmen der Besucher, die sich bei den Zuschauern im Kopf festsetzen sollten“, bestätigt die Regisseurin. Dennoch gebe es immer noch eine Kulturszene in Kabul, hob Bernd Mesovic von Pro Asyl, Frankfurt, hervor. Die lebe jedoch stets „mit einem Bein in Gefahr“. Der Theatergruppe bleibe in Kabul immer mehr das Publikum weg, bestätigte Niklas Schenk, denn 95 Prozent der Afghanen hätten bereits einen Anschlag miterlebt. Die verbliebenen circa 1000 Schauspieler und Künstler dort genießen keinen guten Ruf, was von den Taliban geschürt werde. So „wurde die im Film gezeigte Farkhunda wegen einer angeblichen Koranverbrennung auf offener Straße gelyncht – und zwar nicht von den Taliban, sondern von ganz normalen Passanten. Wer also immer nur das Muster im Auge hat, der vergisst, dass es auf Seiten der Regierung wie sonst im Lande gewalttätige Akteure aller Art gibt: Warlords und ihre Milizen, Lokalpolizei ohne klare Loyalitäten, Räuber im Gewande der Religion. Und die `Normalen`, die die Gewalt nach Jahrzehnten als Handlungsform verinnerlicht haben“, sagte Bernd Mesovic. 

„Afghanistan ist nach deutschem Recht kein `Sicherer Herkunftsstaat`“, betonte der Leiter der Abteilung Rechtspolitik bei Pro Asyl. Das seien nur die Staaten, die in einer Liste zu § 29a Asylgesetz enthalten sind. Beachten müsse der Gesetzgeber im Rahmen einer Vorab-Prüfung im Gesetzgebungsverfahren, wie es in dem jeweiligen Staat steht um die Realität der Menschenrechte, die Diskriminierung und Verfolgung von Personengruppen und Minderheiten, die Effizienz des Justizsystems usw. Da Afghanistan kein Sicherer Herkunftsstaat im Sinne des Asylgesetzes sei, werden Anträge afghanischer Antragsteller in der Regel auch nicht als „offensichtlich unbegründet“ abgelehnt. Davon zu unterscheiden sei die im Asylverfahren in Bezug auf den Einzelfall zu klärende Frage, ob für den jeweiligen Asylsuchenden dort eine Gefährdung, Verfolgung usw. bestanden habe, die zu berücksichtigen sei. Die Behauptungen der Politik, Afghanistan sei zumindest in weiten Teilen und für bestimmte Personengruppen sicher, zielten auf die Durchsetzung der Rückkehr oder Abschiebung derer, bei denen eine Schutzbedürftigkeit nicht festgestellt worden ist. „Wer in Nordafghanistan nicht leben kann, der möge  doch eben anderswohin gehen. Absurd vor dem Hintergrund des herrschenden Chaos und der großen Zahl der unversorgten, im Lande selbst eine Zuflucht suchenden Binnenflüchtlinge“, so Mesovic. 

Und dann gebe es die Argumentation der „zu geringen Gefahrendichte“. Dazu Mesovic: „Das geht so: Wie viele Anschläge mit Toten und Verletzten gab es im Zeitraum X in der Provinz Y? Wie viele Menschen leben dort? Daraus wird die arithmetische Wahrscheinlichkeit errechnet, dass man im Falle einer Rückkehr/ Abschiebung einen ernsthaften Schaden an Leib und Leben erleidet. Die überwiegende Wahrscheinlichkeit, die zu berücksichtigen wäre, müsste bei mehr als 50 Prozent liegen“. Dennoch seien seiner Ansicht nach Asylanträge afghanischer Asylsuchender keineswegs chancenlos. Allein die Zahl der bestandskräftigen Entscheidungen zugunsten von Flüchtlingen zeige, dass  von Sicherheit in Afghanistan nicht  die Rede sein kann.  Auf die Liste Sicherer Herkunftsstaaten werde das Land deshalb auf lange Zeit hinaus nicht gelangen, so sehr die Bundesregierung sich bemüht, die Fakten zu verbiegen. „True Warriors“ habe gezeigt, „wie sehr selbst die Menschen in Kabul von der Frage des Flüchtens oder Standhaltens betroffen sind. Eineinhalb Jahre nach Abschluss des Films sind inzwischen noch mehr Menschen auf der Flucht – aus allen Schichten.“  

Zuletzt aktualisiert: 22. Juni 2018
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Bild: Der Frankfurter Musiker Matthias Baumgardt (r.) demonstrierte den Besuchern eindrucksvoll, dass und wie er sein Instrument beherrscht. Daneben naxos-Moderator und Filmpate Winfried Volkmann. 

 

„Warum soll ich mir teure E-Gitarren kaufen, wenn ich den angestrebten Sound auf einer selbstgebauten oder gar Kaufhausgitarre hinkriege?“ Mit dieser Frage leitete Matthias Baumgardt (55), Profi-Musiker und von 1979 bis 1984 Mitglied der Frankfurter Band „Straßenjungs“, das Filmgespräch am 12. Juni 2018 im naxos.Kino ein. Zuvor war die Davis Guggenheim-Doku „It might get loud“ gelaufen. Darin hatte der Regisseur drei Rockgitarristen der Musikgeschichte eingeladen, um ihre Findungswege zur Gitarre aufzuzeichnen: Jimmy Page (Ex-Led Zeppelin), The Edge (U2) und Jack White (Ex-Raconteurs und -White Stripes). Und es wurde tatsächlich laut, sowohl im Film als auch während des anschließenden Filmgesprächs. Denn Baumgardt hatte neben seiner Gitarre einen kleinen Vox-Verstärker inklusive Wah-Wah-Pedal und Echo im Gepäck. Damit sorgte er für einen Sound, der den Besuchern eine Gänsehaut über den Körper spannte. 

„Der Film spricht mir aus der Seele“, bekennt Baumgardt. So sei Jimmy Page in allen Fragen der Performance absolut geübt, beherrsche The Edge die Echos wie kaum ein anderer und hole Jack White aus einer selbstgebauten Gitarre das heraus, worauf es in der Rockmusik ankomme. Dann gibt er selbst eine Kostprobe zum Besten. Mit „Hilfsmitteln“ wie Wah-Wah-Pedal und Echo-King halt ein Rhythmus durch die Naxos-Halle nach, auf den er ein eindrucksvolles Solo legt: „Kein Teufelswerk, sondern schlichtes Handwerk“, merkt er an. 

Naxos-Moderator Wilfried Volkmann zitiert Jack White aus dem Film, wonach „jeder Gitarre spielen kann“, wie das Beispiel eines Zehnjährigen im Zusammenspiel mit White im Film belege. Baumgardt stimmt zu, seine Mutter habe ihn  inspiriert, indem bei Familientreffen immer Musik gemacht wurde. Ein sog. Riff – die kurze Abfolge einer sich immer wiederholenden Melodie – sei die Grundvoraussetzung für einen guten Song. Einen solchen könne man aber nicht erzwingen, sondern erst über Arbeit kreieren. „Irgendwann springt dann der Funke über und auf dieser Basis entsteht etwas“. Aber wenn dann im Studio das rote Licht leuchte, so der Gitarrist, sei es mit der Improvisation vorbei: „Dann wird Perfektion angestrebt“. 

Baumgardt besitzt nach eigenen Angaben „ein paar enachtziger Gitarren“. Da er feststelle, immer mehr zu seinen selbstgebauten zu tendieren, müsse er jetzt reduzieren, obwohl verschiedenartige Gitarren  auch stets für verschiedene Musikstile erforderlich seien. Und zum Schluss wird es nochmal laut. Der Musiker haut das Riff von „Whole lotta love“ raus. Der Sound füllt die Naxoshalle. Die Besucher grooven mit. Der anschließende Applaus ist genauso laut. „Sagenhaft“, so ein Besucher an der Theke.

Zuletzt aktualisiert: 15. Juni 2018
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Foto: naxos.Kino Moderatorin Barbara Köster (l.), Jochem Hendricks (r)

Die Diskussion nach dem Film Leaning into the Wind drehte sich schnell sowohl zwischen dem Gesprächsgast Jochem Hendricks (Künstler und Kritiker aus Frankfurt) und der Moderatorin Barbara Köster als auch mit den BesucherInnen um den Kunstbegriff im Werk des Landart Künstlers Andy Goldsworthy. Für Hendrix ist der heute gezeigte Film selbst Teil der medialen Inszenierung des Künstlers und er sieht die Leistung und den Anspruch von Goldworth vor allem darin, Erfindungen und Formen der Kunst in die Natur zurück zu führen. Er macht die großen Leistungen der Landart gewissermaßen gartentauglich.

Goldsworthy könne vom Anspruch als Schamane gesehen werden, der unbestimmte Rituale im Kontakt mit der Natur inszeniert. Dahinter steht dann auch die Ablehnung des klassischen Kunstkontextes, wie die Präsentation von Objekten in Ausstellungen und Museen, wo sich seine Ergebnisse auflösen würden. Gleichwohl verstehe es Goldsworthy ganz gut, seine Kunstform zu vermarkten, wie etwa durch die zahlreichen Bildbände und eben auch den Film.

Barbara Köster hat sich beim Betrachten der zahlreichen Kunstaktionen im Film gefragt, ob sie jeweils einen Sinn dahinter entdecken kann. Für einen Besucher ist es eher ein Perspektivenwechsel, den Goldsworthy unternimmt, den „von der Hecke aus“, während eine andere Besucherin mitteilt, dass sie unabhängig von diesen Überlegungen den Film „einfach nur genossen“ hat.Kontrovers wird unter den BesucherInnen und im Podium auch diskutiert, ob und welchen Respekt oder Tabus Goldsworthy im Hinblick auf seine Eingriffe in die Natur hat.

Schließlich dreht sich die Diskussion auch um die Kommerzialisierung der Kunstaktionen. Dies ist einmal für viele Künstler eine Notwendigkeit zur Existenzsicherung und kann bei großen Erfolgen und Einnahmen auch dazu genutzt werden, die Kunst weiter zu entwickeln.

Hendricks sieht, dass Goldsworthy in seiner Entwicklung entsprechend auch immer größere, umfangreichere Projekt gemacht, jedoch sich qualitativ nicht weiterentwickelt hat.

Eine weitere kritische Anmerkung geht dahin, dass er sich teilweise in spirituelle, religiöse Szenarien begibt, aber nicht erkennbar ist, dass damit eine Sinngebung einher geht.

Zuletzt aktualisiert: 07. Juni 2018