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Foto (von links): Wolf Lindner, naxos.Kino, Elke Sasse, Filmemacherin, Ramona Lenz, medico international

Bevor naxos.Kino Moderator Wolf Lindner das Gespräch mit den heutigen Expertinnen begann, gab er einigen FilmbesucherInnen das Wort. Viele BesucherInnen im naxos.Kino waren nach dem Film „My Escape “betroffen über die erschütterten und mit Gewalt verbundenen Erlebnisse die, die Flüchtlinge mit ihren Mobiltelefonen festgehalten hatten.Die Filmemacherin Elke Sasse berichtete, dass der Film im Jahr 2015 entstand, als sehr viele Menschen auf der Flucht waren und hierzulande nach dem „wir schaffen das..“ in vielen Städten noch eine große Hilfsbereitschaft und Willkommenskultur vorhanden war. Ramona Lenz, Referentin für Flucht und Migration bei der Frankfurter Hilfs- und Menschenrechtsorganisation medico international, erläuterte, dass die Zunahme der Flüchtlingszahlen 2015 vor allem auf veränderte Bedingungen in Syrien und angrenzenden Ländern zurückzuführen ist. So wurde damals die Nahrungsmittelhilfe für syrische Flüchtlinge in der Region durch das Welternährungsprogramm so stark reduziert, dass die Menschen nicht mehr davon leben konnten. Gleichzeitig schlossen die Nachbarländer Syriens nach und nach ihre Grenzen, was viele Syrerinnen und Syrer dazu veranlasste, das Land noch schnell über die letzte offene Grenze in die Türkei und weiter nach Europa zu verlassen.

In Berlin entstand wie Elke Sasse erläuterte die Idee, über die auf den Mobiltelefonen vorhandenen Szenen die Fluchtgeschichten nachzuzeichnen. Dazu wurden auch durch Aufrufe in sozialen Medien eine Vielzahl von Handy Filmausschnitten gesammelt. Schließlich wurden 10 Flüchtlinge eingeladen, die in Gesprächen über ihre Flucht berichteten. Darunter waren Menschen, die nicht nur beiläufig Szenen ihrer Flucht mit ihren Handys aufgenommen, sondern die bewusst Stationen ihrer Flucht für sich und andere filmisch festgehalten hatten. Dies war für einige sehr gefährlich, besonders für Flüchtlinge aus Eritrea, die gezielt nach Mobiltelefonen durchsucht wurden.Die Dauer der Flucht ist sehr unterschiedlich. Während die Flucht aus Syrien in 2 bis 3 Monaten gelingen konnte, ist der Weg aus Afghanistan meist länger und die Flucht aus Eritrea erfolgt über viele Länder und Stationen mit teils langen Zwischenaufenthalten, so dass bis 2 Jahre dafür benötigt werden.

Medico international arbeitet in vielen Ländern aus denen die Flüchtlinge kommen, aber auch in den Transitländern mit unterschiedlichen lokalen Partnerorganisationen zusammen, um die Bedingungen für die Menschen während ihrer Flucht zu verbessern. Ramona Lenz berichtet, dass solche Hilfen in Libyen kaum möglich sind, da dort unterschiedliche Milizen die Macht haben, die mit brutaler Gewalt Flüchtlinge aus afrikanischen Ländern und deren Familien ausbeuten und unterdrücken. Nichtsdestotroz kooperiere die EU mit genau solchen Milizen, damit sie die Menschen in Libyen festhalten und an der Flucht über das Mittelmeer nach Europa hindern. In vielen Herkunfts- und Transitländern der Migration würden Gelder der Entwicklungszusammenarbeit eingesetzt, damit die Regierungen im Bereich der Migrationskontrolle kooperieren, was in der Regel nichts anders bedeute als die Verhinderung von Flucht und Migration nach Europa.

Viele der Flüchtlinge, denen die Flucht nach Deutschland geglückt ist haben es hier schwer, weil sie nicht individuell als Flüchtling anerkannt sind, sondern einen subidären Schutz erhalten. Dadurch ist auch der Familiennachzug nicht möglich. Zermürbend sind dabei auch die hohen bürokratischen Hürden und die monate- und jahrelange Wartezeiten, bis es zu Entscheidungen kommt.Seit einiger Zeit arbeitet Elke Sasse bereits an einem weiterem Film, bei dem die zurückgebliebenen Angehörigen der Fluchtlinge und deren Leben in den Krisen- und Kriegsgebieten im Mittelpunkt stehen wird.

Zuletzt aktualisiert: 20. April 2018
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Bild: naxos-Moderatorin Barbara Köster und Kerstin Luisa Pramme, Buddhismus-Lehrerin im Diamantweg (r.).   

Hannah Nydahl (19462007) war eine Lehrerin (Lama) der Karma-Kagyü-Linie des tibetischen Buddhismus. Wie ihr Ehemann Ole Nydahl hat sie seit 1973 bis zu ihrem Tod 2007 sowohl zur Entwicklung und Verbreitung des tibetischen Buddhismus in der westlichen Welt als auch zur Erhöhung seines Bekanntheitsgrades wesentlich beigetragen. Während der Hochzeitsreise mit ihrem Mann in den Himalaya 1968 trafen sie den Drukpa-Siddha Lopön Tsechu Rinpoche. Auf einer zweiten Reise in den Himalaya 1969 trafen sie dann den 16. Karmapa, das geistige Oberhaupt der Karma Kagyu-Linie. Sie gehörten zu seinen ersten westlichen Schülern. Nach einer Zeit der Ausbildung und Meditation bat der 16. Karmapa die beiden, in seinem Namen Meditationszentren im Westen zu gründen.  

Der Buddhismus kenne nur ein Produkt: Glück. Ziel sei es, Freude zu produzieren. Freiheit bedeute darin, „innere Freude im gegenwärtigen Moment zu erleben“. So eröffnete Kerstin Luisa Pramme,  Diamantweglehrerin und im beruflichen Leben Seminarleiterin in Frankfurt am Main, das Filmgespräch zum Film „Hannah – ein buddhistischer Weg zur Freiheit“ am 10. April 2018 im naxos-Kino. 

Den Film bezeichnete Pramme als einen „kulturhistorischen Ausbruch mit Mut“. Sie selbst habe Hannah im Alter von zehn Jahren kennengelernt. Nydahl war eine der gefragtesten Übersetzerinnen aus dem Tibetischen ins Englische, Deutsche oder Dänische. Die Hälfte des Jahres übersetzte sie für Lamas am „Karmapa International Buddhist Institute“ (KIBI) in New Delhi, Indien, wo sie sowohl an der Übersetzung zahlreicher buddhistischer Texte beteiligt war, als auch die Reisen hoher Lamas der Karma-Kagyü Linie organisierte. Später habe Pramme  mit der Protagonistin einige Jahre als Studentin verbracht. Da damals keine Lehrbücher zur Verbreitung der buddhistischen Lehren existierten, habe die Dänin die tibetischen Schriften in die englische Sprache übersetzt. So habe sie in Kopenhagen Tibetismus studiert, um ihre Übersetzungen wissenschaftlich abzusichern. Unterstützt wurde sie von Beginn an von ihren tibetischen Lehrern. „Für mich war Hannah die coolste Frau, die ich kennengelernt habe, so soll der Film denn auch Hannahs Leben nicht in Vergessenheit geraten lassen“, sagte Pramme.

Aus den rund 84.000 Belehrungen von Buddha hätten sich zahlreiche Strömungen ergeben. In Tibet hätten sich diese Strömungen auf vier Hauptlinien konzentriert, wobei ein Lehrer die Qualität haben müsse, inhaltlich übergreifend zu wirken. Warum immer ein Mann der oberste Lama sein müsse, begründete Pramme mit dem indischen Kastensystem, das von einer deutlichen Bevorzugung von Männern gekennzeichnet sei. Aber es sei stets eine Frau an der Seite eines Meditationslehrers, „die in den meisten Fällen mit ihm verheiratet ist“. 

Erstaunlich war, dass Hannah und ihr Mann Lama Ole Nydahl bei allem Verzicht auf Besitz ständig zwischen Südamerika, Asien und Europa hin und her pendeln konnten. Finanziert hätten sie ihre ständigen Reisen, indem sie sich ihr Erbe auszahlen ließen, ihre Lebenskosten extrem gering gehalten hätten und oft von Freunden eingeladen worden seien. Später hätten sie eine Stiftung gegründet, die die Reisekosten finanziert habe.  

Hannahs Mann Ole, inzwischen 77 Jahre, besucht bis heute auf Einladung seiner Schüler die rund 750 Zentren in über 45 Ländern und vermittelt erfolgreich Buddhas Lehren.

Zuletzt aktualisiert: 12. April 2018
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Bild: naxos-Moderator Gerd Becker im Gespräch mit Dokumentarfilmmacher Sobo Swobodnik (r.) und Milena Hildebrand, Wissenschaftliche Referentin für den Untersuchungsausschuss der Fraktion Die Linke im Hessischen Landtag.  

„6 Jahre, 7 Monate und 16 Tage“ – während dieses Zeitraums war der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) in Deutschland aktiv und verübte insgesamt zehn Morde an Migranten und einer deutschen Polizistin. Erst nach über sechs Jahren, 2011, wurde bekannt, dass die Taten vom sogenannten NSU begangen wurden. Bis dahin tappte die Polizei im Dunkeln. Nach jener Zeitspanne hat Sobo Swobodnik seinen Dokumentarfilm benannt, der die Mordserie als nüchterne Chronik der Ereignisse fassbar machen will. Die am 3. April 2018 gezeigte essayistische Dokumentation hat die Besucher des naxos-Kinos nachdenklich gemacht. Zudem wolle der Film den oft übergangenen Opfern des NSU ein Gesicht und eine Identität geben, so der Regisseur. 

Der Film nähert sich dieser rechtsextremistischen Mordserie über Schwarz-Weiß-Bilder der unterschiedlichen Tatorte. Diese Bilder lässt der Dokumentarfilmmacher in Dialog mit Zeitungsmeldungen, Ermittlungsprotokollen, Prozessaussagen und Äußerungen von Hinterbliebenen und Fachleuten treten. Die Texte lesen Schauspieler des Berliner Ensembles, während dazu Kompositionen des Berliner Musikers Elias Gottstein erklingen. „Vorausgegangen war eine umfangreiche Recherche. Für die Dreharbeiten brauchten wir pro Tatort je einen Tag“, sagte Swobodnik.  

Der Prozess gegen die NSU-Mörder läuft seit 2013, seit 2014 beschäftigt sich der Untersuchungsausschuss in Hessen damit. Eine Sonderkommission von bis zu 160 Beamten hatte zuvor von 2005 bis 2008 nur am Rand des rechten Milieus ermittelt. Der Hessische Untersuchungsausschuss konzentrierte sich nahezu ausschließlich auf den Mord in Kassel. Parallel dazu legte die mediale Berichterstattung den Fokus auf die Täter. „Ich hingegen wollte über die Opfer-Perspektive berichten, jedoch keine Angehörigen vor die Kamera holen“, so der Regisseur. Insofern sei ein solcher Film nur über das „Wie“ zu machen, indem die Orte als Anklagezeugen gezeigt würden: „Über diese Orte wollte ich die Geschichte erzählen“. 

naxos-Moderator Gerd Becker bezeichnete die Komposition aus Tatorten, Texten und Musik als „entscheidendes Stilmittel“, was Swobodnik bestätigte, denn der Film müsse statisch sein, um ein Verständnis herzustellen. Das wiederum verstehe er als „Steilvorlage gegen Rassismus und Rechtsextremismus“. Der Film solle dazu aufrufen, „Konsequenzen zu ziehen“, sei jedoch an der Kinokasse „nicht so erfolgreich“. Das könne auch daran liegen, dass er eher ein gefühltes Hörspiel sei. Denn nicht wirklich informative Schwarz-Weiß-Bilder legen einen Grauschleier über die an sich akribisch rekonstruierten Ereignisse. 

Milena Hildebrand ist Wissenschaftliche Referentin für den Untersuchungsausschuss der Fraktion Die Linke im Hessischen Landtag. „Wir konzentrieren uns in erster Linie auf den Mord in Kassel“, sagte die Juristin. Linke und SPD hätten den Ausschuss ins Leben gerufen, um den damaligen Umgang der Sicherheitsbehörden mit dem Mord, die Rolle des am Tatort anwesenden Vefassungsschutzmitarbeiters Temme und die Rolle des damaligen Innenministers Bouffier zu klären und mögliche Unterstützer des NSU im rechten Spektrum in Nordhessen ausfindig zu machen. Die Arbeit sei zäh voran gekommen, was unter anderem daran lag, dass es keine zielführende Kooperation der anderen Parteien gab und unter den rund 2000 Aktenordnern, die dem Ausschuss vorliegen, viele geheim eingestufte und geschwärzte Dokumente seien. Der Ausschuss habe viele Erkenntnisse erlangen können über die Vorgänge bei den Behörden und im Innenministerium, beispielsweise steht aus Sicht der LINKEN fest, dass Bouffier im Jahr 2006 das Parlament belogen hat. Andere Fragen blieben weiter nebulös.  

„Wir müssen das rechtspolitische Bewusstsein stärken, es ist wichtig, dass Öffentlichkeit zu diesem Thema geschaffen wird“, hieß es seitens der Besucher. Sollte dies nicht der Fall sein, drohe die Gefahr, dass die rechtsradikale Szene davon profitiere, so Swobodnik. Er fühle sich nach Auseinandersetzung mit dem Thema und dem allgemein sinkenden Interesse daran frustriert, weshalb der gesellschaftspolitische Druck erhöht werden müsse, und zwar durch Abschaffung des Verfassungsschutzes, Stärkung des Kampfs gegen rechts und parlamentarisches Einschreiten gegen den Rechtsextremismus. „Unsere einzige Chance liegt im öffentlichen Druck, und da ist jeder gefordert“, sagte der Regisseur. 

Sobo Swobodnik studierte Schauspiel in München und arbeitete, u. a. als Regisseur, an mehreren deutschen Theatern. Er war als Rundfunk-Redakteur bei verschiedenen Hörfunkanstalten und ist auch als Schriftsteller tätig. Für sein Porträt über Hermes Plettberg (österreichischer Schauspieler, Schriftsteller und Talkshow-Moderator, Anm. d. Red.). erhielt er den Max-Ophüls-Preis für den besten Dokumentarfilm 2012. Bei der Berlinale 2013 war er Jurymitglied für den Friedensfilmpreis.

Zuletzt aktualisiert: 05. April 2018
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Bild: naxos.Kino- Moderator Gerd Becker im Gespräch mit Dietmar Seehuber (Mitte) und Filmemacherin Lola Jia Liu.

Filmemacherin Lola Jia Liu vertrat die Meinung, die hohe Selbstmordrate in China sei auf den allgemeinen Stress zurückzuführen, der die Menschen psychisch krank mache. Auch die Hauptperson Chen Si bewege sich auf einem schmalen Grat zwischen Heldentum – er hat bereits einige Lebensmüde vor dem Absprung gerettet – und alkoholisierter Resignation, da er immer wieder seine Lebenssituation beklage, meinte naxos-Moderator Gerd Becker. Die Filmemacherin Lola Jia Liu, die am 27. März naxos Kino zu Gast war, bestätigte, dass sie während der fünfjährigen Drehzeit zunehmend seinen Alkoholismus bemerkt habe: „Innerlich will er andere nicht mehr retten, seine Seele ist kaputt, er ist traumatisiert“. Seine ersten erfolgreichen Rettungsaktionen hätten ihn landesweit bekannt gemacht. Das habe er immer weniger verarbeiten können. Nachdem er für seine Taten immer wieder Geld zum Überleben erhalten habe, rufe er nun mittels viralem Marketing gezielt zu Spenden auf. „Er hat seine Ideologie zum Job gemacht.“ Wenn er mit dem Retten aufhören würde, würde er alles verlieren. Job, Anerkennung und Struktur des Lebens.  Dietmar Seehuber, Chefarzt der Klinik Hohemark, bestätigte als Vertreter des Frankfurter Netzwerks Suizidprävention (FRANS), dass es „durchgehend um den Sinn des Lebens“ gehe. Die Hauptperson im Film erkenne durch seine Arbeit einen Sinn für sich, was auch etwas Berauschendes für ihn ausmache. „Aber Helfer sollten nie allein agieren“, mahnte Seehuber. Chen Si „performt eine one-man-show“ mit dem Problem, wie er diese verarbeiten solle. In solchen Fällen sei Alkoholismus aufgrund von Verzweiflung, fehlender Antriebskraft oder körperlicher Störungen häufig die Endstation. In Frankfurt wird seit einiger Zeit ein besonderer Ansatz verfolgt, um Menschen mit suizidalen Gedanken Hilfen anzubieten. Das Frankfurter Netzwerk für Suizidprävention (FRANS) wurde 2014 gegründet und ist ein Zusammenschluss von mehr als 70 Frankfurter und überregionalen Institutionen und Organisationen, in deren beruflichem Alltag suizidales Verhalten und das Thema Suizidprävention eine Rolle spielen; weiteres siehe unter: www.frans-hilft.de . Gründe, die zu Gedanken über eine Selbsttötung führen, können nach Dr. Seehuber sehr unterschiedlich sein. Sie können in der Folge einer meist langjährigen depressiven Erkrankung entstehen. Aber auch unerwartete plötzliche dramatische Ereignisse, wie die Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen, können Ursache sein. In jedem Fall sollten die Betroffenen ärztlichen Rat und Hilfen in Anspruch nehmen. Dazu sollten sie auch von Freunden und Angehörigen ermutigen. Glück bedeute in China Erfolg und Reichtum. Danach strebe jeder, meinte Frau Liu: „Deshalb kämpfen die Menschen egoistisch nur für sich selbst“. Abgestürzte würden nicht zur Kenntnis genommen, denn sie würden als Versager gelten. Sie betonte, dass vor allem diese einsamen Menschen eine Community brauchten. Dazu fehlten jedoch noch immer ehrenamtliche freiwillige Helfer für Depressive in China. Während Menschen aus der Mittelschicht eher medizinisch- psychologische Hilfen annehmen, ist dies bei Menschen aus einfachen Verhältnissen kaum der Fall.

Zuletzt aktualisiert: 29. März 2018
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Bild: Im Anschluss an den Film traf naxos-Moderator Wolf Lindner (l.) auf einen entspannten Filmemacher Benedikt Kuby (r.), der über das Zustandekommen seines Films berichtete. 

In seinem Film „Der Bauer bleibst Du“ porträtiert Benedikt Kuby den 82-jährigen Bauern Heinrich Wanner, der am Inzingerberg, hoch über dem Inntal, seine Landwirtschaft betreibt, vierzig Hektar, den Wald mit eingerechnet. Der große Bauernhof, den er allein bewohnt, ist ein über sechshundert Jahre alter Erbhof, einer der ältesten in Tirol. Am 20. März 2018 stellte Kuby ihn im naxos-Kino vor. Der alte Bauer kann sich ein Leben ohne Arbeit nicht vorstellen: die vierzehn Kühe versorgen, das Heu ernten, Bäume fällen und Brennholz machen, die Kartoffeln setzen und ernten, das Werkzeug in Ordnung halten und zu Weihnachten die Krippe aufbauen. Heinz Wanner lebt von und für seine Arbeit. 

„Ich habe einen Film machen wollen über Gelassenheit“, sagte Kuby. Er hatte den Bauern sechzehn Jahre zuvor bei Dreharbeiten für das Bayrische Fernsehen kennengelernt und habe lange nachdenken müssen, bis er beschlossen habe, den Bauern zu fragen, ob er vor der Kamera reden wollte. „Diesen Film wollte kein TV-Sender machen mit dem Hinweis: ´Unsere Zuschauer würde das nicht interessieren`“. So gab es nur die Optionen: Das Projekt sterben zu lassen oder den Film ohne Team zu drehen, also von Regie über Kamera, Ton und Schnitt alles selbst zu machen. So kam es zu einer  – wie Kuby weiter erläuterte –  „nahezu nicht zu bewältigenden Aufgabe“. Das Ganze habe sich über zwei Jahre hingezogen. „Hätte meine Frau mir nicht immer wieder versichert, dass es ein guter Film werde, ich hätte aufgegeben. Denn das Geld kam ja auch aus der Familienkasse.“ 

Kuby war es wichtig, den Taktschlag, in dem dieser Bauer lebt, deutlich zu machen, diese Langsamkeit. Denn Heinz Wanner habe einfach ein anderes Zeitgefühl. Und damit war klar, dass es kein schneller Film würde, der dem Zeitgeist entsprach. „Trotz der gefilmten Langsamkeit ist es ein sehr schöner und dennoch schneller Film geworden“, meinte ein Besucher. Der Film male jedoch keine romantische Oase, natürlich lebe der Heinz im 21. Jahrhundert, bemerkte naxos-Moderator Wolf Lindner. So besitze der Bauer ein kleines Auto und auch Motorsägen und einen alten Traktor, mit dem er seine Stämme aus dem Wald zieht. Aber er wirtschaftet allein, hat keine Nachkommen. Nach zehn Generationen würde die Erbfolge auf dem Wannerhof abreißen, und das macht dem 82-jährigen Sorge. Darum hält er Ausschau nach einem Nachfolger und findet ihn bei einer Familie im Dorf: Hannes, 22 Jahre alt, hat gerade die Landwirtschaftsschule abgeschlossen und ist bereit, dem alten Mann zur Hand zu gehen und schließlich den Hof zu übernehmen. „Erst als Heinz daran war, seinen Hof weiterzugeben war klar: Das wird das Thema des Films“, so der Filmemacher. 

Tatsächlich hat der Film große Anerkennung erhalten. Auf vielen Festivals im In- und Ausland hat er insgesamt neun Preise und einige Preisgelder eingespielt. Am Ende kaufte ihn das Bayerische Fernsehen dann doch an – „und siehe da: er wurde zum Quotenkönig“, sagte Kuby.  

Insgesamt aber habe der Film die Kosten kaum eingespielt. Eine kleine Crowdfunding-Aktion habe geholfen, die Szenen mit dem Hubschrauber zu finanzieren. Es war Johannes´ Idee, mal einen Rundflug über Heinzens Anwesen zu fliegen, aber Heinz hatte Angst davor, aber entschied sich dann doch dazu. Nachträglich war er überglücklich: Es war sein „schönstes Erlebnis im Leben“. Den Piloten habe er aus tiefer Dankbarkeit darüber, dass es zu keinem Absturz kam, nach dem Rundflug so reichlich mit Brot, Kartoffeln, Wein und Schnaps aus eigener Herstellung beschenkt, dass der schließlich abwinken musste, weil der Hubschrauber zu schwer geworden wäre.  

Inzwischen ist mit großem Aufwand sehr viel am Haus renoviert worden. Johannes ist mit seiner Freundin Bettina eingezogen. Noch in diesem Jahr werden sie heiraten. 

Kurz nach Ende der Dreharbeiten wurde bei Heinz Leukämie festgestellt. Drei Wochen darauf starb er. Ob die Krankheit der Grund war oder die verordnete Chemotherapie? Eine Frage, die Kuby immer wieder bewegt. Bevor es soweit kam, suchte Benedikt Kuby seinen Protagonisten am Krankenbett auf und spielte ihm den Film vor. Dessen Reaktion „Ich dank dir sehr herzlich für den Film“. Größer hätte für Kuby das Lob nicht sein können. 

Zuletzt aktualisiert: 22. März 2018
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Bild: Mit Jürgen Schwab (l.) hatte naxos-Moderator Gerd Becker einen Kenner der Jazz-Geschichte und der aktuellen Jazz-Szene eingeladen. 

 „Der Film ´Django – Ein Leben für die Musik` ist ein faszinierendes Thema für Jazz-Fans. Den Menschen und Musiker Django Reinhardt mit seinen Tiefen und seinem Ursprung aufzuzeigen, ist dem Film jedoch nicht ganz gelungen.“ Mit dieser Einschätzung eröffnete Jürgen Schwab, Musiker und freier Journalist, das Filmgespräch am 13. März 2018 im ausverkauften naxos-Kino. Zuvor hatte das Frankfurter Swing Belleville Quartett die Gäste mit Jazz Manouche, besser bekannt als Gypsy Swing, auf den anschließenden Filmabend eingestimmt. 

 

Swing Belleville Quartett
Swing Belleville Quartett

 

1934 wurde auf Anregung von Pierre Nourry und Charles Delaunay vom Gitarristen Django Reinhardt (1910 – 1953) und dem Geiger Stéphane Grappelli das Quintette du Hot Club de France in Paris gegründet. Der Hot Club organisierte Konzerte, gab eine Monatszeitschrift heraus und veröffentlichte Jazzaufnahmen. Der Film zeigt Django Reinhardt 1943 auf dem Gipfel seines Erfolgs: Jeden Abend begeistert der Gitarrist zusammen mit seiner Combo in ausverkauften Pariser Sälen mit seinem unglaublichen Gypsy-Swing. 

naxos-Moderator Gerd Becker fragte Schwab, ob Django Reinhardt die Jazz-Gitarre bereichert habe. Nicht bereichert, meinte Schwab, sondern „um Lichtjahre nach vorn katapultiert“. Django habe die Sinti-Musik der ehemaligen österreich-ungarischen K und K-Monarchie mit dem Gypsy-Jazz des 20. Jahrhunderts neu erfunden. „Django war ein Genie ohne Notenkenntnisse und mit einem eigenen Stil, kurz: ein Unnachahmlicher.“ Die Gitarristen der 1920er Jahre hätten ihm nicht das Wasser reichen können. Auch hätten in der Folge sämtliche Größen unter den Jazz- und Rockgitarristen von seinem „Django Reinhardt-Stilmittel“ gelernt, und zwar von einem Autodidakten, der in einem Wohnwagen aufwuchs. 

Mit 13 Jahren habe Django erstmals amerikanische Schlager aus seiner Sicht interpretiert. Ein Wohnwagen-Brand habe im Alter von 18 Jahren seine linke Greifhand verkrüppelt, so dass er Ring- und kleinen Finger nicht mehr frei bewegen konnte. „Seine Leistung als Gitarrist ist somit umso unfassbarer“, meinte Schwab. 

Er legte anschließend den Fokus auf das auch im Film gezeigte Jahr 1944. In jenes Jahr fällt die Aufnahme einer von Django Reinhardt komponierten „Zigeunermesse“, die sein damaliger Klarinettist Gérard Lévêque zu Papier brachte. Die auf einer Kirchenorgel eingespielte Messe wurde aber erst weit später veröffentlicht. Laut Charles Delaunay enthielt diese Sinfonie teilweise so gewagte Harmonien, dass sie für den damaligen Dirigenten Probleme aufwarf. Die Partitur ging allerdings verschollen. 

„Insgesamt basiert der Film auf einer Mixtur von Fakten und Fiktion“, so Schwabs Fazit. Denn in Wahrheit habe Reinhardt die Nazis nicht – wie im Film gezeigt – mit ihrer „Kulturkontrolle“ zu Deppen gemacht, indem er beispielsweise den „St. Louis Blues“ bei seinen Auftritten als „König-Ludwig-Serenade“ angekündigt habe, wie es später die Frankfurter Jazzszene kolportiert habe. Ein tolles Schlusswort sprach ein Gast: „Danke dem naxos-Verein für die Auswahl des Films und des Gesprächspartners Jürgen Schwab“. 

Schwab, studierter Musikpädagoge, hat 1998 bei Ekkehard Jost mit einer Arbeit über „Die Gitarre im Jazz“ promoviert, die als Standardwerk zum Thema gilt. Als Gitarrist gab Schwab Konzerte mit Jazzgrößen wie Emil Mangelsdorff, Günter Lenz oder Thomas Cremer. Von 2006 bis 2013 war er musikalischer Begleiter des bedeutenden Konzertveranstalters Fritz Rau. Als Journalist schreibt und moderiert der Experte Hörfunksendungen für die Jazzredaktion des Hessischen Rundfunks und die hr-Bigband. 2004 veröffentlichte er das preisgekrönte Buch „Der Frankfurt-Sound – eine Stadt und ihre Jazzgeschichte(n)“.

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Zuletzt aktualisiert: 18. März 2018
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Der Dokumentarfilm „Where to, Miss?“ liefert ein realistisches Bild von der immer noch bestehenden Abhängigkeit indischer Frauen von ihren Vätern, Ehemännern und Familien.Am Beispiel der jungen Devki, die sich als Taxifahrerin von der tief verankerten Gesellschaftstradition emanzipieren will, wird aufgezeigt, wie mühsam es ist, sich von dem klassischen Rollenklischee der Frau zu befreien: Sie will selbständig und unabhängig, nicht aber die Tochter von Harischandra, die Frau von Badri oder die Mutter von Ayush sein. Sie  möchte mit ihrem eigenen Namen genannt werden. Zum Filmgespräch am 6. März 2018 begrüßte naxos-Moderatorin Antje Lang Shrikala Jammalamadaka, selbst gebürtige Inderin und Vertreterin des Indischen Kulturinstituts, zum Thema. 

Eine Akzeptanz der Emanzipationsbestrebungen befinde sich noch im Anfangsstadium, so Frau Jammalamadaka, aufklärerische Filme könnten jedoch einen wichtigen Beitrag zur gesellschaftspolitischen Emanzipation der Frau leisten. Ob denn Jungen gegenüber Mädchen noch immer vorgezogen würden, wollte Antje Lang wissen. Zahlen dazu gäbe es nicht, doch sei diese Entwicklung rückläufig. „Allerdings bilden bei armen ländlichen Familien die Mädchen nach wie vor ein finanzielles Risiko, dem entweder mit Abtreibung und Unterdrückung begegnet wird“, sagte Frau Jammalamadaka. 

Vom überwiegend weiblichen Publikum auf die Entwicklung einer Frauenbewegung in Indien angesprochen, meinte sie, das Land befinde sich im Wandel, wobei die Emanzipation bereits in der ganzen Gesellschaft Einzug gehalten habe, jedoch abhängig von der jeweils gesellschaftspolitischen Zugehörigkeit verschieden stark ausgeprägt sei. So klaffe in den ärmeren ländlichen Schichten noch eine enorme Bildungslücke und daraus resultierend mangelndes Verständnis für die Selbstbestimmung der Frauen, während in höher gestellten Gesellschaftsschichten arbeitende Frauen, die auch Alkohol konsumieren und Rauchen, schon zum alltäglichen Bild in Indien gehören. Probleme bereiteten hingegen Gruppenvergewaltigungen sowie Benachteiligung der Frauen bei der Einforderung ihres rechtlich verankerten Schutzes gegenüber Missbrauch und Diskriminierung –  in den Städten wie auf dem Land. 

Auf die Frage einer Besucherin nach einer allgemeinen Frauenbewegung in Indien meinte Frau Jammalamadaka, dass eine solche bereits überall im Lande in verschiedenen Formen existiere. Erste Ansätze von gezielter Gegenwehr seien bei der „Gang Gulabi“ (Gulabi ist die Farbe Pink, Anm. d. Red.) festzustellen. Dabei handele es sich um eine Gruppe vormals ausgestoßener Frauen, die das weibliche Faustrecht gegenüber männlicher Gewalt ausüben und so sich und anderen hilfebedürftigen Frauen zu Hilfe kommen. 

Deutschland unterscheide sich mit einem ausgeprägten Individualverhalten stark von einem Indien mit traditionellem Familiendenken. Auch griffen die Medien „Gewalt gegen Frauen“ hier stärker auf als in Indien mit seinem tiefverwurzelten Glauben, dass Frauen Männern gegenüber von Natur aus unterlegen seien: „Das zu ändern ist schwer und kompliziert“. Einen ersten Lösungsansatz sieht die gebürtige Inderin jedoch: „Wir müssen Kinder gleichberechtigter erziehen“. Mangelnde Bildung sei auch ein Faktor der die Gleichberechtigung der Frauen erschwert. Die Schulen seien jedoch für viele Familien in ländlichen Gegenden zu teuer, weshalb die Bildungsquote dort noch sehr niedrig ausgeprägt sei. Immerhin: Eine Scheidung sei in Indien bereits seit vielen Jahren üblich, jedoch in den meisten Fällen gestaltet es sich für die Frauen schwierig, da sie trotz Misshandlung, Unterdrückung und Ausbeutung durch den Mann von ihren Familien weder aufgenommen noch unterstützt würden. 

Bild: Zur Saisoneröffnung begrüßte naxos-Moderatorin Antje Lang (r.) Shrikalo Jammalamadaka vom Indischen Kulturinstitut Frankfurt.

Zuletzt aktualisiert: 08. März 2018
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Wilfried Volkmann erhält am 14. September 2017 die Frankfurter Bürgermedaille vom Stadtverordnetenvorsteher der Stadt Frankfurt Stephan Siegler

 

Wilfried Volkmann (71) ist langjähriges Mitglied der naxos-Kinogruppe. Als solcher ist er ausgewiesener Kenner der Szene in Sachen Dokumentationsfilme. Den Besuchern des naxos-Kinos ist er darüber hinaus bekannt als kompetenter Moderator zahlreicher Filmgespräche. Volkmann ist aber auch Vorsitzender des Vereins „Eltern für Schule“. Und für diese ehrenamtliche Arbeit hat er 2017 die Bürgermedaille der Stadt Frankfurt erhalten. Das „naxos.Kino – Dokumentarfilm und Gespräch e.V.“ im WILLY PRAML THEATER in der Frankfurter Naxoshalle ist stolz darauf, Volkmann als Mitglied in seinen Reihen zu wissen und gratuliert ihm zu seiner Auszeichnung. Laut Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) hat die diesjährige Auswahl gezeigt, wie vielfältig ehrenamtliches Engagement sein kann. So wurde der Bürgerpreis zum zehnten Mal unter dem Motto „Vorausschauend engagiert: Real, digital, kommunal“ vergeben. 40 Ehrenamtliche wurden vorgeschlagen. Wilfried Volkmann wurde ausgewählt. Die Redaktion sprach mit dem „ausgezeichneten Willi“ über seine Auszeichnung.

naxos: Kaum jemand, der in den vergangenen Jahren ein Kind auf einer Frankfurter Schule hatte, dürfte an dir vorbeigekommen sein. Dafür bist du als gelernter Maschinenbau-Ingenieur viel zu umtriebig, viel zu präsent auf all den Veranstaltungen, die sich in der Stadt rund um Schule drehen. Selten, dass du nicht als Erster aus dem Publikum heraus das Wort ergreifst, um die Politiker und Bildungsexperten, die vorne auf dem Podium sitzen, mit deinen Fragen und Anmerkungen aus der Reserve zu locken.

Volkmann: Das ist richtig, ist aber nur der öffentliche Teil meiner ehrenamtlichen Tätigkeit. Der weitaus größere Teil findet am Schreibtisch statt. Als Mitbegründer und Vorsitzender des Vereins „Eltern für Schule“ verstehe ich mich in erster Linie als Dienstleister für all die Mütter und Väter, die ihre Kinder auf dem Bildungsweg begleiten, so gut sie es eben können. Der Verein berät beim Übergang von der Grund- auf die weiterführende Schule, verbreitet einen Newsletter, der über Veranstaltungen und Serviceangebote informiert, und kooperiert in zahlreichen Konstellationen mit Bildungsanbietern und anderen Institutionen.

naxos: Es ist bekannt, dass du auch als Arbeits-, Sozial- und Verwaltungsrichter sowie als Jugendschöffe ehrenamtlich aktiv bist.

Volkmann: Meine langjährige ehrenamtliche Richtertätigkeit als Arbeits-, Sozial- und Verwaltungsrichter wie auch als Jugendschöffe ist mir bei der Ausübung meines Ehrenamtes im Bereich Schule und Bildung oft sehr hilfreich. Der große Erfahrungsschatz, den ich mir in über 30 Jahren bei dieser ehrenamtlichen Tätigkeit erworben habe, ist mir bei der Mitwirkung im Mentorenprogramm „Digitale Helden“ besonders hilfreich. Mit diesem Programm werden Schüler/innen an Sekundarschulen zu Digitalen Helden ausgebildet, damit sie ihre jüngeren Mitschüler/innen beim Umgang mit dem WorldWideWeb umfassend beraten können und so Medienkompetenz zur Prävention von Onlinemobbing vermitteln.

Naxos: Seit November 2011 bist du Rentner und dies nach einer abwechslungsreichen Berufskarriere.

Volkmann: Das kann man wohl so sagen. Nach dem Maschinenbaustudium in Darmstadt arbeitete ich als Dozent am privaten Philipp-Reitz-Technikum, leitete dann die Geschäftsstelle des Fachbereichs Büromaschinen beim Verband der Deutschen Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA e.V.), bevor ich nach einer Stippvisite als technischer Redakteur bei Leybold-Heraeus in Hanau zur Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Eschborn wechselte. Dort war ich 30 Jahre in verschiedenen Arbeitsbereichen tätig. Daneben war ich zehn Jahre Mitglied des Betriebsrates, davon vier Jahre als freigestellter Betriebsratsvorsitzender. Bis zum Eintritt in den Ruhestand war ich Assistent des Personalleiters.

naxos: Wie versteht der Verein „Eltern für Schule“ seine Elternarbeit auf dem Hintergrund des steten und raschen Wandels der Anforderungen an Schule und Ausbildung?

Volkmann: Schwerpunkte unserer Tätigkeit sind die Unterstützung und die Erarbeitung von Orientierungshilfen bei den Bildungsübergängen. Ein besonderer Schwerpunkt ist derzeit der Übergang von der Grundschule in eine weiterführende Schule. Bei der optimalen Wahl des geeigneten Bildungsganges sollten die Eltern unseres Erachtens schon zukünftige Berufsfelder und den steten Wandel des Arbeitsmarktes in den Blick nehmen. Die Palette der Ausbildungsberufe und die Anforderungen an Ausbildung haben sich in den Jahren stark verändert. Dieser Trend wird sich fortsetzen, Stichwort Industrie 4.0 erweitert. Das Wissen, das die Eltern aus ihrer Schul- und Ausbildungszeit mitbringen, ist oft nicht mehr aktuell. Informationen zu Anschlussmöglichkeiten, zur Berufswahl und zur Ausbildung sind wichtig. Damit können Eltern ihre Kinder bei Entscheidungen zu Schule und Beruf unterstützen. Viele Eltern sind unsicher und wünschen den höchstmöglichen Schulabschluss für ihre Kinder. Die Chancen und Möglichkeiten einer dualen Ausbildung sind ihnen oft nicht bekannt. Ein höherer Schulabschluss genießt dagegen ein hohes Prestige. Informationen wirken der Verunsicherung der Eltern entgegen und helfen, sie in der Begleitung der Schul- und Berufswahl ihrer Kinder zu unterstützen. Daran arbeiten wir!

naxos: Was benötigen deiner Meinung nach Eltern, um ihre Kinder entsprechend deren Neigungen ausbildungsmäßig sinnvoll zu begleiten?

Volkmann: Sie brauchen vor allem Information zur Durchlässigkeit des Schulsystems, das heißt Informationen zu den Profilen der verschiedenen Schulen, Informationen zu Anschlussmöglichkeiten nach der Schule, Informationen zu Berufswahl und Ausbildung sowie Aufstiegsmöglichkeiten im Beruf.

naxos: Wie ist dein Engagement für Schule und Eltern zu erklären?

Volkmann: Ende der 80er Jahre beklagte ich mich mal wieder, über die geringe Effektivität der Elternarbeit an der Schule meines Sohnes. Als Reaktion darauf empfahl man mir, nicht zu jammern, sondern zu machen. Du, mit deinen Erfahrungen, könntest ein guter Elternbeirat sein. Also wählte man mich zum Elternbeirat. Damit war ich auch Mitglied im Schulelternbeirat und wenig später wurde ich zum Vorsitzenden des Stadtelternbeirats gewählt. 2007 musste ich den Vorsitz niederlegen, weil mein Sohn volljährig wurde. Mit einigen ehemaligen Stadtelternbeiräten gründete ich 2006 den Verein „Eltern für Schule“ als Förderverein des Stadtelternbeirates (StEB), dessen Vorsitzender ich bis heute bin. Zudem blieb ich dem StEB als Pressesprecher noch einige Jahre erhalten. Zwischen dem StEB und unserem Verein hat es dann 2014 gekracht und wir gingen eine Zweitlang getrennte Wege. Aber das ist vorbei. Heute kooperieren der StEB und der Verein auf vielen Feldern der Elternarbeit miteinander. Meiner Geburtsstadt Frankfurt bin ich im Übrigen eng verbunden. Denn mehrmalige Umzüge haben mich nie über die Stadtgrenzen hinausgeführt. Heute wohne ich als gebürtiger Praunheimer im Nordend, wo ich auch meine ersten politischen Gehversuche machte. 20 Jahre ehrenamtliches Engagement rund um Schule sind für mich immer noch eine anspruchsvolle aber auch eine sehr befriedigende Aufgabe. Bis 75 werde ich auf jeden Fall weitermachen – wenn es mir meine Gesundheit erlaubt. Aber auch dann muss noch nicht Schluss sein. Schau´n wir mal!

naxos: Und was wird aus deinem Engagement für das naxos-Kino?

Volkmann: Dem naxos-Kino bleibe ich auch weiterhin treu. Derzeit planen wir das Programm für 2018. Im Februar erscheint unser Flyer für März und April. Ich habe darin unter anderem die Moderation für den Musikfilm „Django“ übernommen, eine Dokumentation, die uns auf ein ausverkauftes Haus hoffen lässt. Damit wollen wir an das überaus erfolgreiche Jahr 2017 anknüpfen, das uns einen enormen Besucheranwuchs beschert hat, der – und die Auswahl unserer Filme – letztlich dazu geführt hat, dass das naxos-Kino 2017 zum fünften Mal mit dem Hessischen Kinokulturpreis ausgezeichnet wurde.

naxos: Lieber Wilfried, vielen Dank für das ausführliche Gespräch und dir persönlich noch viele weitere Erfolge.

Wilfried Volkmann: Die Liste seiner besonderen Verdienste, Ehrungen und Anerkennungen würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen. Das naxos-Kino gratuliert.

Zuletzt aktualisiert: 03. Januar 2018
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Am Rande des Eishockeyspiels gegen Riessersee am 26.11.17 informierte sich der PR Manager der LÖWEN Trevor bei den Machern der Öffentlichkeitsarbeit des naxos.Kinos über deren PR Arbeit. Das Spiel haben die LÖWEN übrigens souverän mit 5:1 gewonnen.

 

Auf dem Foto (von links nach rechts:) Walter Schaub (Homepage), Gerd Becker (Texte), Trevor, Rolf Henning (Leporello/ Berichte auf der Homepage).

Zuletzt aktualisiert: 28. November 2017
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Vielseitiger ägyptischer Abend zum Saisonabschluss im naxos.Kino

 Großer Besucherandrang herrscht am Abend des 14. Novembers 2017, der unter dem Motto Kochen, Essen, Film und Gespräch steht. Bereits seit 17 Uhr haben Mitglieder des Vereins „Über den Tellerrand“ und Aktivist*Innen des naxos.Kinos Tische, Kocher, Töpfe und Lebensmittel aufgebaut. Als der Großteil der Gäste gegen 19 Uhr eintrifft, sind daher schon Nudeln, Linsen und Kichererbsen am Kochen.

 Antje Lang vom naxos.Kino und Marieke Schöning vom Verein „Über den Tellerrand Frankfurt e.V.“ ( siehe:www.ueberdentellerrand.org/frankfurt begrüßen die Gäste und stellen den Ablauf des Programms vor.

 Das für diesen Abend geplante ägyptische Nationalgericht Koshari besteht aus vielen Zutaten, so dass einige der Gäste beim Zubereiten der Saucen und anderer Bestandteile behilflich sein können. Inzwischen wird es in der Halle mit gut 100 Besucher*Innen voll und lebhaft. Bemerkenswert, dass auch Konsul Mahmoud Ezzat vom ägyptischen Generalkonsulat Frankfurt mit seiner Frau und dem Vice- Konsul Mohamed Ibrahim der Einladung folgen und als Gäste am Essen teilnehmen.

 Die ägyptischen Frauen erhalten viel Applaus und Lob, nachdem alle das schmackhafte Koshari-Gericht probiert haben.

 Auf dieser angenehmen Grundlage nehmen die Besucher*Innen dann im Kino Platz und genießen „On the Road to Downtown“ (Ägypten, 2012) des Kairoer Dokumentarfilmers Sherif El Bendary. Gezeigt wird das lebhafte Treiben in der Straße und der umliegenden Gegend im ursprünglichen Kairo. Menschen aller Schichten sind zu sehen und (in Arabisch mit  engl. UT) zu hören.

 Der lebhafte Eindruck des Films wirkt nach. Denn beim folgendem Filmgespräch zeigt sich, dass der Film viele der anwesenden Ägypterinnen, die jetzt in Frankfurt leben, berührt und an ihre Jahre in der ägyptischen Heimat erinnert. Andere Besucher sind beeindruckt von der Lebhaftigkeit und Impulsivität des Lebens in den Straßen der ägyptischen Metropole. Bevor das Filmgespräch beginnt, servieren die Veranstalter den Gästen noch Tee und arabische Süßigkeiten, die einige der ägyptischen Frauen schon am Nachmittag zuhause gebacken und vorbereitet haben.

 Antje Lang, Mitglied der naxos.Kino-Gruppe, moderiert das Filmgespräch gemeinsam mit den Kairoer Szene-Kennern Inas Saleh, die lange in ihrer „geliebten Stadt Kairo“ gelebt hat, und Dr. Mohammed Rashed, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam. Beide führen aus, wie sich das arabische Leben in der Millionenstand von dem doch eher gemäßigten sozialen Miteinander in europäischen Ländern unterscheidet. Auch einige der ägyptischen Frauen veranschaulichen, wie sich der oft erlebte Wunsch von Deutschen nach Verlässlichkeit, Korrektheit und Pünktlichkeit von gelebter orientalischer Wirklichkeit unterscheidet. Sie weisen aber darauf hin, dass beispielsweise die zeitliche Verbindlichkeit von Absprachen und Terminen oft gar nicht umgesetzt werden kann, weil Verkehrsmittel nicht so exakt getaktet sind, wie wir es vor allem in Deutschland gewohnt sind.

 Die Gäste mit ägyptischem Hintergrund berichten Unterschiedliches, wie sie Akzeptanz, Unterstützung aber auch Diskriminierung und Rassismus in Deutschland erlebt haben. Die meisten sind dagegen, von einem allgemeinen Rassismus ihnen gegenüber zu sprechen. Es seien oft Einzelfälle und man müsse die jeweilige Lebenssituation derjenigen sehen, die sich unkorrekt verhalten.

 Der Film von Sherif El Bendary wird allgemein gelobt, auch wenn die ägyptische Revolution, die im Entstehungsjahr 2012 noch aktuell war, nur eine Nebenrolle spielt.

 Auf Nachfrage einer Besucherin wird Unterschiedliches von den ExpertInnen des Filmgespräches zur Bedeutung der Alt- Ägyptischen pharaonischen Geschichte für die heutigen Ägypter berichtet. Während Dr. Mohammed Rashed vertritt die Auffassung, die tausendjährige Alt- Ägyptische Geschichte und Kultur spiele für die heutigen Menschen dort kaum eine Rolle, u.a. weil dies in der Schule so gut wie nicht vorkomme und auch von der islamischen Religion diese Seiten der Vergangenheit verdrängt und unerwähnt blieben. Inas Saleh meint dagegen, dass sich dies geändert habe. Heute sei die tausendjährige Kultur durchaus Bestandteil in den Lehrplänen und mehr im Bewusstsein. Überdies gäbe es in der Geschichte des heutigen Ägyptens nicht nur alt- pharaonische Einflüsse, sondern Prägungen durch römische, griechische und andere Kulturen.

 Kairo-Abend.2

 Die aufgeschlossene und tolerante Diskussion über deutsches und arabisches Leben, über Gemeinsamkeiten und Unterschiedlichkeiten wird von fast allen BesucherInnen bis nach 23 Uhr geführt und aufmerksam verfolgt. Der ereignisreiche und bewegende Abend geht mit einem nochmaligem Lob und Dank an die ägyptischen Frauen, Gäste und die ReferentInnen zu Ende.

 Gerd Becker

 naxos.Kino

 

Zuletzt aktualisiert: 22. November 2017