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ARCHIV Filmfestival "über Arbeiten" 2007


Do., 15. Februar

"Rote Fahnen sieht man besser" (1970)

Von Rolf Schübel und Theo Gallehr

Im August 1970 wurde erstmals nach 1948 ein größerer Betrieb stillgelegt: die Phrix AG in Krefeld. Gallehr und Schübel drehten darüber einen Dokumentarfilm aus der Sicht der Entlassenen, die aus Protest gegen die Schlie&szli;ung eine schwarze Fahne hissten. Sie taten das aus Trauer um die einseitig verratene "Sozialpartnerschaft". Ein kluger DGB-Funktionär erzählt im Film, die Arbeiter hätten besser zur roten Fahne gegriffen, weil dieses Signal in Bonn angekommen wäre. Gallehr/Schübel zeigen lieber die ernüchternd langsamen Lernprozesse, die um 1970 zu etwas wie Klassenbewusstsein hinzuführen vermögen. Am Schluss sorgte dann ein altkluger Agit-Prop-Song von Dieter Süverkrüp für etwas revolutionäre Verve, der wurde denn auch gleich wieder weg zensuriert: wegen Einseitigkeit, Demagogie, der Inszeniertheit des Dokumentarischen. Der mehrfach preisgekrönte Film war danach viele Jahre unsichtbar, erst im August 1989, kurz vor dem Zusammenbruch der DDR, wurde er am späten Abend noch mal ins Programm gehoben.

Filmgespräch: "Plattmachen - gestern und heute"
1) Regisseur Rolf Schübel (Hamburg), mehrfacher Grimmepreisträger
2) Franz Steinkühler (Oberursel), früherer IG-Metall-Vorsitzender
3) Dieter Hooge (Frankfurt), früherer DGB-Vors. in Hessen
4) Roland Weiss (Nürnberg), stellv. BR-Vorsitzender Electrolux / AEG
5) Harald Fiedler (Frankfurt), DGB ? Vorsitzender in Frankfurt
Moderation: Wolf Lindner

 

Fr., 16. Februar

"Wachsam Tag und Nacht"   &

"Wohin?" (1976/77)

Filme von "Arbeit und Film" und IGM-Vertrauensleuten über Arbeitskämpfe für den Erhalt von Arbeitsplätzen bei VFW Fokker

Wachsam Tag und Nacht
Die Flugzeugbauer von VFW in Speyer kämpfen von 1975 bis 1977 gegen die Schlieung ihres Werkes. Unter der Führung des Betriebsrates mobilisieren die gewerkschaftlichen Vertrauensleute die Bevölkerung der Region, die Kirchen und die Politik. Eine besondere Rolle in diesem Arbeitskampf spielen die Speyerer Frauen, die Tag und Nacht das Werk bewachen. Dieses erste "Bündnis für Arbeit", wie es später scherzhaft genannt wird, ist bis heute sehr erfolgreich und wurde für viele andere Betriebe zum Vorbild. Ein Film der gewerkschaftlichen Vertrauensleute bei VFW in Zusammenarbeit mit "Arbeit Und Film".

Seit dem Arbeitskampf in den 70er Jahren haben die Flugzeugbauer in Speyer auch allen späteren Versuchen, das Werk zu schließen, erfolgreich getrotzt. Zwischenzeitlich haben sie das Werk sogar einige Jahre in eigener Regie geführt. Heute sind die PFW (Pfalz- Flugzeugwerke GmbH - so der heutige Name) ein wichtiger Zulieferbetrieb für den Bau des Airbus und anderer Flugzeuge.

Wohin?
1977 drohen die Manager des VFW-Fokker Konzerns mit Massenentlassungen in den Nordwerken. Die Betriebsräte rufen zum Widerstand auf. Doch im Bremer Hauptwerk sind die meisten Angestellten nicht gewerkschaftlich organisiert und müssen mühselig in persönlichen Gesprächen für einen Arbeitskampf gewonnen werden. Es kommtzu spontanen Arbeitsniederlegungen und Demonstrationen. Scheinbar wird der Kampf gewonnen, doch dann erkennen die gewerkschaftlichen Vertrauensleute, dass ihre Aktionen von den Managern missbraucht worden sind, um von der Bundesregierung neue Subventionen zu erpressen.

Filmgespräch "zusammen arbeiten - Medien und Gewerkschaft"
1) Gernot Steinweg, Regisseur und mehrere andere (Gründungs-)Mitglieder von "Arbeit und Film"
2) Georg Pfeifenrath, Flugzeugbauer, Betriebsrat bei VFW Fokker, IG Metall
3) Dr. Hans Ulrich Fischer (Frankfurt), IG Metall Medienabteilung
Moderation: Uwe Schmidt

 

Sa., 17. Februar

"Erinnerungen an Rheinhausen" (1989)

von Klaus Helle und Rainer Komers und:

"Bambule am Bau"

Der erste bundesweite Baustreik nach 1945

Erinnerungen an Rheinhausen:
Die stillgelegte Krupp-Hütte in Duisburg lieferte Klaus Helle und Rainer Komers das Thema ihres bitter banalen Film-Essays. Die spätproletarischen Dokumentarfilmer verzichteten auf chronologische Reportage und gewerkschaftliche Nostalgiestimmung. Stattdessen arrangierten sie das Material ihrer Langzeitbeobachtung aus den Jahren 1988 und 1989 zum stillen Panorama der Ratlosigkeit - eine Elegie in Stahl.

Mit Stimmungsbildern beginnt und endet der Film. Schemenhaft zeichnet sich hier der Werkskomplex gegen den geröteten Morgenhimmel ab, zum Schluss streift die Kamera mit der untergehenden Sonne durch industriell abgegraste Natur. Doch die Ruhe täuscht. Laut und hart wie die Stahlproduktion selbst kracht die Realität ins Idyll - Rheinhausen soll dicht machen. Bei Komers und Helle heißt das: Einblendung von Radiomeldungen, Kundgebungen, Gespräche im Streikbüro. Ungewöhnlich distanziert und kühl wirkt die Dokumentation nach all den bekannten Filmkilometern von Mahnwachen, weinenden Männern und entschlossenen Frauen.

Auf moralische Entrüstung und den Elan der Aktionen zu Beginn des Arbeitskonflikts folgen Ernüchterung, Skepsis und schließlich Enttäuschung über Niederlage und Isolation nach fünfeinhalb Monaten Widerstand, an dessen Ende die Arbeiter ihre eigenen Aggregate verschrotten müssen. Daneben gibt es aber auch Kollegen, die sich persönlich weiterentwickelt haben und nach neuen Perspektiven suchen.

Bambule am Bau:
Die Bauleute sind stinksauer. Die Arbeitgeber haben die Tarifverträge aufgekündigt und wollen, dass die Bauleute zusätzlich samstags arbeiten, weniger Urlaub und Lohn bekommen. Der Film dokumentiert die Entwicklung vom Februar 2002 über erste Aktionen und Warnstreiks bis zur Urabstimmung, den Streik und die letztendliche Einigung.

Der Film wurde von der IG BAU selbst auf eigene Kosten produziert. Das Arbeitskampfgeschehen wurde vom Fernsehen nur nachrichtlich in Kurzberichten wahrgenommen.

Filmgespräch "Streik und die Medien"
1) Rainer Komers, Regisseur
2) Michael Knoche (Frankfurt), IG BAU ?Mitgliederzeitschrift "Der Grundstein"
3) Olaf Gruss, ehem. Jugendvertreter Krupp Rheinhausen
4) Juri Hälker (Duisburg), Arbeitskämpfer, Autor, Redakteur, Hochschullehrer ...
5) Alois Theisen, Fernseh-Chefredakteur Hessischer Rundfunk
Moderation: Nicolai Bockelmann und Wolf Lindner

 

So., 18. Februar

Arbeit im Osten: Vier DEFA-Dokumentarfilme von Jürgen Böttcher:

"Ofenbauer" (1962) - Ein neuer Hochofen wird gebracht ...

"Der Sekretär" (1967) - Der Film wurde in der DDR verboten...

"Wäscherinnen" (1972) - Harte Arbeit in der Wäscherei ...

"Rangierer" (1984) - Arbeit ohne Worte ...

Filmgespräch "Berichte aus dem Paradies der Werktätigen"
1) Jürgen Böttcher (Berlin), DEFA-Regisseur im Ruhestand
2) Wilhelm Roth (Frankfurt), früherer Chefredakteur von epd Film
Moderation: Viola Lin und Wolf Lindner

 

Mo., 19, Februar

"Im Norden das Meer, im Westen der Fluss,..." und "Emden geht nach USA" (Folge 2)

Ein Abend von und mit Klaus Wildenhahn

Im VW-Werk Emden kommt das Gerücht über die Errichtung eines Zweigwerkes in den USA auf. Emden produziert vor allem für den Export. Deshalb sehen die Arbeiter in den USA-Plänen eine Gefährdung ihrer Arbeitsplätze. Die vierteilige Reihe von Klaus Wildenhahn beschreibt die Vorbereitung und Durchführung einer Protestdemonstration vor dem Emdener Rathaus.

Im Teil 2 beschließt die IG Metall eine Kundgebung gegen Arbeitslosigkeit in Ostfriesland. Im Werk gibt es Spannungen, weil Sonderschichten angeordnet werden, obwohl vor kurzer Zeit erst Massenentlassungen stattgefunden haben. Dem Filmteam wird die Dreherlaubnis für das Werksgelände entzogen. Im Teil 4 findet - Mitte September 1975 - die Protestkundgebung statt. Sie ist ein mäßiger Erfolg. Vorbereitung und Verlauf werden scharf kritisiert. Im April 1976 verkündet VW die Errichtung eines Zweigwerks in den USA. "Die scheinbare Humanität der Ablöseverträge erweist sich nur als neue Form der Verschleierung inhumaner Unternehmenspolitik." (epd)

Filmgespräch "Globalisierung auf leisen Sohlen"
1) Klaus Wildenhahn (Hamburg), Filmregisseur im Ruhestand
2) Emil Plump (Sprockhövel), IG Metall Bildungsstätte Sprockhövel
3) Stefan Körzell (Frankfurt), Vors. DGB-Landesbezirk Hessen-Thüringen
4) Prof. Friedhelm Hengsbach (Frankfurt), kath. Soziallehrer (St. Georgen)
5) Gisela Tuchtenhagen (Hamburg), Kamerafrau und Regisseurin
Moderation: Wolf Lindner

 

Di., 20. Februar

"Sing Iris sing!" (1978) von Gisela Tuchtenhagen und Monika Held

"Frauen & Job: ein mühsamer Aufstieg"

Januar 1977 in Essen:
Im Berufsförderungszentrum werden arbeitslose Frauen in einem zweijährigen Modell-Lehrgang in "Männerberufen" ausgebildet. 32 Frauen haben sich zu diesem Kurs entschlossen, die Jüngste ist 20 Jahre alt, die älteste 45. Viele von ihnen waren ungelernte Arbeitskräfte, sie haben immer wieder ihre Stelle verloren. Das Arbeitsamt hofft, sie nach der Ausbildung zur Feinmechanikerin, Werkzeugmacherin und Elektronikerin - besser als bisher in freie Stellen vermitteln zu können.

Filmgespräch "Frauen kommen langsam ..."
1) Gisela Tuchtenhagen (Hamburg), Kamerafrau und Regisseurin
2) Sissi Banos (Frankfurt), IG Metall-Vorstand (Gender Mainsteaming-Projekt)
3) Regisseur Klaus Wildenhahn
4) Iris Gerath-Prein (Opernregisseurin, Wiesbaden)
5) Dr. Uta Zybell (Frauenbeauftragte der Technischen Universität Darmstadt)
Moderation: Carola Benninghoven

 

Mi., 21. Februar

"Grüße aus Neckarsulm" (1975)

"Du sollst dich nie vor einem lebenden Menschen bücken!" (1978) - Willi Bleicher

Filme von Hannes Karnick & Wolfgang Richter

Grüße aus Neckarsulm:
In der kleinen schwäbischen Stadt Neckarsulm war das 100-jährige Jubiläum von Audi-NSU gerade vorüber, als es 1974 Unruhe in der Belegschaft gab. Vom VW-Konzern, zu dem das Werk inzwischen gehörte, wurde Kurzarbeit angeordnet: Im Frühjahr 1975 verdichten sich die Gerüchte, daß VW das Werk Neckarsulm ganz schließen will. Neckarsulm, ohne Audi-NSU, das war für keinen hier vorstellbar. Die ganze Stadt trat gegen die von der Bundesregierung gebilligten Stillegungspläne des VW-Konzerns an: Die Aktionen der Belegschaft und der IG Metall wurden selbst vom Oberbürgermeister, von Einzelhändlern und Gewerbetreibenden unterstützt. Ein Arbeiter damals zu den Konzernplänen: "Das ist keine soziale, das ist eine brutale Marktwirtschaft!"

"Grüße aus Neckarsulm" wurde in gemeinsamer Arbeit mit den Betroffenen realisiert. Diese Zusammenarbeit war der Versuch, die in der damaligen zugespitzten Situation gemachten Erfahrungen und Eindrücke festzuhalten. So formulierte ein Vertrauensmann nach der Premiere die Absicht des Films: "...vielleicht kann unser Film anderen eine Hilfe, vielleicht ein wenig Beispiel geben."

"Grüsse aus Neckarsulm" wurde ein Film, von dem die Beteiligten und Betroffenen sagen, dass es Ihr Film sei.


Du sollst dich nie vor einem lebenden Menschen bücken!
- Willi Bleicher:

"Das Wissen über die Geschichte der Gewerkschaften ist der wirksamste Schutz gegen konservative Ideologien: Geschichte ist aktiviertes Gedächtnis." (Hans Preiss, IG-Metall Vorstandsmitglied, auf dem 14. Gewerkschaftstag der IGM)

Nach Beendigung seiner aktiven Tätigkeit versuchte Willi Bleicher in vielen Veranstaltungen historisches Bewußtsein zu wecken, besonders der Gewerkschaftsjugend die Sicht auf das Heute mit dem Wissen um das Gestern nahezubringen. Der Filmtitel "Du sollst dich nie vor einem lebenden Menschen bücken!" geht auf ein Jugenderlebnis Bleichers zurück, das sein Handeln lebenslang prägen sollte.

Schon als junger Arbeiter war Bleicher aktiv in der politischen und gewerkschaftlichen Bewegung. Während der Nazizeit wurde er wegen seines aktiven Widerstandes 8 Jahre lang im KZ Buchenwald eingekerkert. Dort versteckte er zusammen mit anderen Häftlingen ein jüdisches Kind vor der SS. Nach der Befreiung vom Faschismus hoffte er auf einen demokratischen Neubeginn und eine einheitliche Gewerkschaftsbewegung.

1958 wurde Bleicher Bezirksleiter der IG Metall Baden-Württemberg. Die harten Streikauseinandersetzungen 1963, 1967 und 1971 machten ihn auch außerhalb der Region bekannt. Willi Bleicher starb am 23. Juli 1981 im Alter von 73 Jahren.

Filmgespräch "über die Zukunft des aufrechten Ganges"
1) Hannes Karnick & Wolfgang Richter (Darmstadt), Regie & Ton & Kamera
2) Hans Pleitgen (Frankfurt), Stadthistoriker und ehem. IG Metall-Bezirksleiter
3) Prof. Frank Deppe (Frankfurt), Politikwissenschaftler
Moderation: Sandra Zimmermann

 


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